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Humboldt-Universität zu Berlin, 08.07.04

Unbezahlte Mehrarbeit aus Angst um den Arbeitsplatz

Studie: Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern leisten trotz höherer vertraglicher Arbeitszeiten mehr freiwillige Überstunden als westdeutsche Arbeitnehmer

Je höher die Arbeitslosenrate einer Region, desto mehr unbezahlte Überstunden leisten Arbeitnehmer in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Studie "Unpaid Overtime in Germany: Differences between East and West" von Silke Anger, HU. Die Wirtschaftswissenschaftlerin untersuchte die Beziehung zwischen dem Arbeitslosigkeitsrisiko und unbezahlten Überstunden für vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer unter Verwendung von Längsschnittdaten des im DIW Berlin beheimateten Sozio-oekonomischen Panels für die Jahre 1993 bis 2000. Als Näherungsvariablen für das Arbeitslosigkeitsrisiko dienten dabei die regionalen Arbeitslosenraten auf Arbeitsamtbezirksebene.

Die Studie weist einen statistisch signifikanten Effekt der Arbeitslosenraten auf das Angebot von unbezahlten Überstunden nach, allerdings nur für männliche Beschäftigte. So führt eine um einen Prozentpunkt höhere regionale Arbeitslosigkeit für ostdeutsche Angestellte zu einem zehnprozentigen Anstieg der wöchentlichen unbezahlten Überstunden. In den westdeutschen Bundesländern bewirkt eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit um einen Prozentpunkt bei den Angestellten nur einen siebenprozentigen Anstieg der unbezahlten Überstunden pro Woche.
Die Studie zeigt weiterhin, dass vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer in den ostdeutschen Bundesländern durchschnittlich mehr zusätzliche Arbeit leisten als in Westdeutschland. Und das, obwohl bereits ihre vertragliche Wochenarbeitszeit die der Westdeutschen um rund zwei Stunden übersteigt. Auch der Anteil der Beschäftigten mit unbezahlter Mehrarbeit war während der letzten zehn Jahre in den neuen Ländern höher: Während im Schnitt 23 Prozent der ostdeutschen Angestellten unbezahlte Überstunden geleistet haben, waren es im Westen nur knapp 20 Prozent. Auch bei den Arbeitern gibt es Unterschiede: Im Osten leisteten 3,5 Prozent unbezahlte Arbeit, im Westen war es nur die Hälfte.
Silke Anger vermutet, dass Arbeitnehmer unbezahlte Mehrarbeit leisten, um höhere Produktivität zu signalisieren und somit ihr Entlassungsrisiko zu reduzieren. "Arbeitnehmer könnten Überstunden als eine Investition mit in der Zukunft liegenden Vorteilen betrachten und daher ihr Arbeitsangebot freiwillig erhöhen", sagt Silke Anger. Unter diese möglichen zukünftigen Gewinne falle neben schnelleren und höhere Gehaltssteigerungen und Beförderungen auch ein geringeres Entlassungsrisiko. Erste Studien aus den USA, Großbritannien und Deutschland haben bereits den Investitionscharakter von Arbeitsstunden nachgewiesen und sich dabei auf Lohneffekte und Beförderungen konzentriert.
"Alternative Erklärungsmöglichkeiten für die höhere Mehrarbeit in Ostdeutschland könnten auch die schwächere Präsenz von Gewerkschaften in den neuen Bundesländern oder das Produktivitätsgefälle sein, das ostdeutsche Firmen dazu veranlassen könnte, den Rückstand mittels Überstundenarbeit aufzuholen", sagt Silke Anger.

Kontakt: Silke Anger, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Telefon: [030] 2093 5667
sanger@wiwi.hu-berlin.de

Weitere Informationen:


Heike Zappe, Humboldt-Universität zu Berlin
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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