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Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 19.10.04

Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt - Standortnachteil für ostdeutsche Wirtschaft

Forschungsinformation: Der Kriminologe Prof. Dr. Kai-D. Bussmann und der Soziologe Markus M. Werle legen Ergebnisse einer Umfrage vor. 600 Unternehmen wurden befragt, inwieweit sie Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt als Standortnachteil bewerten.

Unternehmen benötigen ein innovationsfreundliches, zukunftsorientiertes und tolerantes gesellschaftliches Klima um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Deshalb wird in Zeiten schwachen Wirtschaftswachstums und steigender Konkurrenz zwischen attraktiven Standorten das Image einer Region durch "weiche" Standortfaktoren wie Lebensqualität, aber auch die regionale Kriminalitätsbelastung und Fremdenfeindlichkeit besonders geprägt, wie eine Umfrage unter 600 Unternehmen aufzeigt, die von Prof. Kai-D. Bussmann und Dipl.-Soz. Markus M. Werle von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vorgenommen wurde.

Zwar steht an erster Stelle in der Gunst der Unternehmen erwartungsgemäß die Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften. Diesen Faktor bewerteten 96 % der Unternehmen als sehr wichtig oder zumindest wichtig, aber 65 % halten Kriminalität, Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt für ebenso bedeutsam. Dabei scheuen insbesondere Großunternehmen Fremdenfeindlichkeit am stärksten; sie sind aufgrund ihrer höheren multikulturellen und multinationalen Personalzusammensetzung offenkundig für derartige Probleme am Standort besonders empfindlich.

Handicap für ostdeutsche Wirtschaft

Gerade für Ostdeutschland, aber nicht nur dort, werden Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt mit einzelnen Regionen assoziiert. Negative Erfahrungen der Unternehmen vor Ort decken sich mit dem geschädigten Image einer Region, welches auch auswärtige Unternehmen wahrnehmen.
Die Frage: "Trifft es zu, dass das Auftreten von Fremdenfeindlichkeit oder rechter Gewalt in der Region eine Bedeutung für Standortfragen hat?" bejahten 18 % der Unternehmen aus den neuen gegenüber nur 9 % in den alten Bundesländern. Ferner gaben 11 % der ostdeutschen Unternehmen an (West 5 %), dass Fremdenfeindlichkeit oder rechte Gewalt ihre Unternehmensentscheidungen beeinflusst hat, 28 % befürchten dies auch für die Zukunft (West 17 %). Zwar fühlen sich Unternehmen im Osten auch generell stärker von Kriminalität betroffen als im Westen, aber die größten Ost-West-Unterschiede bestehen bei der Unzufriedenheit gegenüber Fremdenfeindlichkeit und rechter Gewalt.

Sechsmal mehr Bewerberabsagen im Osten wegen Fremdenfeindlichkeit

Mit Fremdenfeindlichkeit und rechter Gewalt können leicht Intoleranz und Innovationsfeindlichkeit assoziiert werden. Gerade internationale Großunternehmen und Unternehmen mit Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sind hier besonders empfindlich, denn sie beschäftigen mehr als andere Unternehmen hochqualifizierte Fachkräfte aus dem In- und Ausland. Und nicht zuletzt wird auch die Lebensqualität fremdländisch aussehende Familienangehörige von der Problematik tangiert.
In Bewerbungsgesprächen wurde von Bewerbern bei Unternehmen in den neuen Bundesländern fast doppelt so häufig die regionale Fremdenfeind-lichkeit und rechte Gewalt thematisiert als in den alten Ländern. In Ostdeutschland sind Absagen von Bewerbern wegen Fremdenfeindlichkeit und rechter Gewalt mit 11 % sogar mehr als doppelt so hoch wie im Westen
(4 %). Unternehmen in den neuen Bundesländern vermuten sogar sechsmal häufiger (19 %) als in den alten (3 %), dass eine ausgeschriebene Position vom Bewerber aus diesen Gründen nicht angenommen wird.

Standortnachteil Fremdenfeindlichkeit - rechte Gewalt wichtigster Indikator

Die Erfahrungen der Betriebe zeigen außerdem, dass Stellenbewerber kaum zwischen Fremdenfeindlichkeit und rechter Gewalt unterscheiden. Fremdenfeindlichkeit und erst recht rechtsradikale Gewalt sind somit eindeutig negative Standortfaktoren im Wettbewerb der Regionen um Wirtschafts- und Industrieansiedlung.
Hat das Image einer Region in der subjektiven Wahrnehmung sowohl von Unternehmen als auch Stellenbewerbern erst einmal Schaden genommen, kann daraus sogar ein zirkuläres Handicap für ihre weitere wirtschaftliche Entwicklung erwachsen. Denn die Reaktion auf eine regional schlechtere wirtschaftliche Lage mit Fremdenfeindlichkeit und rechter Gewalt verschafft Wettbewerbsnachteile, die dieser politischen Orientierung den Nährboden bereitet.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Kai-D. Bussmann
E-Mail: bussmann@jura.uni-halle.de
Telefon: +49.345.55.23116
Telefax: +49.345.55.27070
Dipl.-Soz. Markus M. Werle
E-Mail: werle@jura.uni-halle.de
Telefon: +49.345.55.23119
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Juristische Fakultät
06099 Halle (Saale)

Grafiken zu diesem Beitrag im Internet unter: http://www.verwaltung.uni-halle.de/...aktuellemeldungen/bussewer.HTM

Weitere Informationen:


Ingrid Godenrath, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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