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Technische Universität Chemnitz, 20.02.04

Was bei der Ansiedlung von Firmen beachtet werden sollte

Chemnitzer Sozial- und Wirtschaftsgeographen geben elf Handlungsempfehlungen speziell für den Gewerbestandort Südwestsachsen

In Sachsen ist die wirtschaftliche Lage besser als die Stimmung, die Rahmenbedingungen bleiben allerdings unverändert schlecht und verhageln die Prognosen für 2004. Das geht aus der gestern von den Industrie- und Handelskammern in Sachsen veröffentlichten Konjunkturumfrage hervor. Wie diese Rahmenbedingungen für die Entwicklung und Auslastung der zahlreichen neuen Gewerbestandorte in Südwestsachsen, die nach der politischen Wende entstanden sind, im Idealfall aussehen sollten, haben Wissenschaftler des Fachgebietes Sozial- und Wirtschaftsgeographie der TU Chemnitz in den vergangenen Jahren untersucht. Anhand der Ergebnisse der im Auftrag der Initiative Südwestsachsen e.V. erhobenen Daten werden elf Handlungsempfehlungen vorgeschlagen:


1. Wirtschaftsstruktur

Der Ausbau und die Bestandspflege des sekundären Wirtschaftssektors sollte weiterhin, nicht zuletzt aufgrund der günstigen Standortvoraussetzungen für das produzierende Gewerbe, vorrangiges Ziel der Wirtschaftsförderung sein. Darüber hinaus gilt es, das Dienstleistungsspektrum - vor allem im technologischen Bereich - zu erweitern.

2. Bevölkerungsentwicklung

Um dem enormen Rückgang der Bevölkerung in der Region Südwestsachsen entgegenzuwirken, muss durch familien-, arbeitsmarkt- und bildungspolitische Maßnahmen die Attraktivität der Region gesteigert werden.

3. Verkehrsinfrastruktur

Vor allem der sechsspurige Ausbau und die Verlängerung der A 72 nach Leipzig stellen angesichts ihrer immensen Bedeutung für die Region eine der wichtigsten Aufgaben dar. Auch an der Straßenanbindung nach Tschechien sind Verbesserungen vorzunehmen, damit der Austausch über die Staatsgrenze hinweg schnell und einfach möglich ist. Hierzu zählt insbesondere der Ausbau der Grenzübergänge. Gleichermaßen ist der weitere Ausbau der Fernverkehrsverbindungen der Bahn (Sachsen-Franken-Magistrale, Mitte-Deutschland-Verbindung) und deren optimale Vernetzung mit dem ÖPNV zu gewährleisten.

4. Gewerbeflächen

Die künftige Planung von Gewerbeflächen sollte sich in erster Linie auf die Entwicklung in den zentralen Lagen der Gemeinden und die Revitalisierung von Altstandorten stützen. Im Hinblick auf die Deckung des kommunalen Flächenbedarfs sind gemeinsame Aktivitäten über die Gemeindegrenzen hinweg zu empfehlen. Der Abbau der vorhandenen Überkapazitäten sollte Vorrang vor Neuausweisungen haben.

5. Arbeitsmarkt und Lohnkosten

Die nach wie vor existierenden Kostenvorteile im Lohnsektor gilt es bei der Vermarktung von Gewerbeflächen noch stärker einzusetzen als bisher. Trotz des häufig diskutierten Facharbeitermangels ist vor allem in den Arbeitsamtbezirken Annaberg und Plauen ein beachtliches Potential an ausgebildeten Fachkräften in den verschiedensten Berufszweigen anzutreffen.

6. Aus- und Weiterbildung

In der beruflichen Aus- und Weiterbildung sollten die Lernziele und -inhalte den unmittelbaren Bedürfnissen der regionalen Wirtschaft angepasst werden. Eine Erweiterung der Lehrpläne um Wirtschaftsbezogene Themen wäre vor allem in den Gymnasien wünschenswert. Außerdem sollten die vier Hochschulen den zukünftigen Herausforderungen gerecht werden und ihre Funktion als kreative Innovationszentren mit entsprechenden Synergieeffekten erfüllen.

7. Gewerbesteuer

Eventuelle Kostennachteile im Bereich der Gewerbesteuer können auf Seiten der Unternehmen durch überdurchschnittlich günstige Flächenpreise und Lohnkosten kompensiert werden.

8. Osterweiterung der Europäischen Union

Da die Tschechische Republik im Rahmen der Osterweiterung bald zum europäischen Binnenmarkt gehören wird, sind erhebliche Anstrengungen nötig, um das Zusammenwachsen der sächsisch-böhmischen Grenzregionen zu unterstützen. Insbesondere gilt es, Ängste vor der EU-Osterweiterung abzubauen. Vielfältige Wirtschaftskontakte sind zu knüpfen und das Engagement südwestsächsischer Unternehmen auf den tschechischen und anderen ostmitteleuropäischen Märkten vorzubereiten.

9. Stärkung des Images

Es ist extrem wichtig, das Image der Region Südwestsachsen nach innen zu stärken und nach außen bekannt zu machen. Ziel muss es sein, die Identifikation der Bewohner und der Unternehmer mit der Region weiter auszubauen.

10. Wirtschaftsförderung

Die kommunale Wirtschaftsförderung sollte ihre Aktivitäten - neben dem stetigen Bemühen um Neuansiedlungen - auf die Bestandspflege ansässiger Betriebe und insbesondere auf die Förderung von Unternehmensgründungen richten. Vor allem die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes sind zu umwerben und zu betreuen. Gleichzeitig sollte verstärkt versucht werden, zusätzliche Interessenten aus anderen Wirtschaftsbereichen erfolgreich anzusiedeln bzw. zu einer Betriebsgründung zu bewegen. Dabei müssen auch Unternehmen des tertiären Wirtschaftssektors mit ihren allgemein als günstig erachteten Zukunftsaussichten in das Standortkonzept der kommunalen Gewerbegebiete eingeplant werden.

11. Regionalmarketing

Bei der Herausstellung regionaler Stärken sollten zuerst die harten, ergänzt durch die sog. weichen Standortfaktoren in den Vordergrund gerückt werden. Dies sind beispielsweise überdurchschnittlich hohe Fördermöglichkeiten innerhalb der Europäischen Union, eine günstige Lohnstruktur, ein großes Angebot an preisgünstigen Gewerbeflächen und international anerkannte Hochschul- und Forschungseinrichtungen.

Weitere Informationen geben Prof. Dr. Peter Jurczek, Professur für Sozial- und Wirtschaftsgeographie der TU Chemnitz, unter Telefon (03 71) 5 31 - 49 11 oder per E-Mail peter.jurczek@phil.tu-chemnitz.de und Dipl.-Geogr. Claas Beckord unter (03 71) 5 31 - 41 87 oder per E-Mail claas.beckord@phil.tu-chemnitz.de .

Weitere Informationen:


Alexander Friebel, Technische Universität Chemnitz
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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