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Max-Planck-Institut für Quantenoptik, 09.02.07

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Max-Planck-Institut für Quantenoptik, 09.02.07

Kurz vorm Schmelzen

Mit Röntgenstrahlen hat ein internationales Team von Wissenschaftlern, darunter auch zwei Forscher vom Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching), erstmals die Ver-änderungen verfolgen können, die ein Festkörper kurz vorm Schmelzen durchläuft. (Science , 2. Februar 2007) Die Messungen an einem relativ einfachen System - einem dünnen Film aus dem Halbmetall Wismut - fanden am Stanford Linear Accelerator Center (SLAC) (Stanford, USA) statt.

Abbildung: Um den genauen Zeitpunkt der Ankuft des Röntgenpulses ermitteln zu können, ver-wenden die Wissenschafter einen elektro-optischen Kristall (grün), der neben dem Elektronen-strahl (weiß) im Linearbeschleuniger kurz vor der Röntgenerzeugung positioniert ist. Ein Laser (rot) zeigt die durch den Elektronenfluss erzeugten Veränderungen im Kristall an und misst so-mit den exakten Zeitpunkt, wann der Elektronenstrahl - und somit dann die Röntgenpulse - an-kommt.

Die Messung demonstriert das hohe Potential der so genannten Anrege-Abfrage-Technik bei der zeitlichen Auflösung ultraschneller Vorgänge. Bei diesem Verfahren wird zunächst mit einem ultrakurzen Lichtpuls ein atomarer Prozess in dem Material in Gang gesetzt. Die sich daraus ergebenden Veränderungen werden mit Hilfe weiterer Lichtpulse ermittelt, die im Ab-stand von fest definierten Zeitverzögerungen auf das Objekt treffen.
In vorliegenden Experiment wurde ein 50 Nanometer dicker Film des Halbmetalls Wismut mit 70 Femtosekunden (1 Femtosekunde = 10-15 Sekunden) langen Lichtpulsen aus einem Titan-Saphir-Laser (Nahes Infrarot) in einen hochangeregten Zustand gebracht. Da die Laser-energie nicht ausreicht, um den Stoff zum Schmelzen zu bringen, kehren die Atome in weni-ger als einer Nanosekunde (ein Milliardstel einer Sekunde) in ihren Normalzustand zurück. Wie sich die Festkörperstruktur im Anschluss an die Anregung verändert, untersuchten die Forscher um David Fritz (SLAC), indem sie den Film mit Pulsen aus der (mittlerweile abge-bauten) Sub-Picosecond Pulse Source (SPPS) am SLAC bombardierten.

Um die Vorgänge genau zeitlich rekonstruieren zu können, müssen die Wissenschaftler genau wissen, wann die anregenden Lichtpulse bzw. die Röntgenpulse auf das Material treffen. Das Problem dabei ist, dass zwar die Pulse des Infrarot-Lasers in genau und verlässlich definierten Zeitintervallen kommen, sich die Pulse der Röntgenstrahlen aus einem Linear-Beschleuniger aber nicht so gut steuern lassen. Mit Hilfe eines elektrooptischen Kristalls schafften es die beiden MPQ-Forscher, Dr. Reinhard Kienberger und Dr. Adrian Cavalieri, eine Art Stoppuhr zu entwickeln, mit der die relativen Ankunftszeiten der Pulse mit der erforderlichen Genauig-keit bestimmt werden konnten.
Sogleich beim Auftreffen des anregenden Laserpulses werden die Bindungen zwischen den Atomen im Festkörper schwächer. Der Atomkern gerät dadurch aus dem Gleichgewicht, so wie eine Murmel, die vom Boden einer Vertiefung auf die geneigten Wände angehoben wird. Losgelassen (also im Anschluss an den Laserpuls) rollt der Kern wieder in die Mitte der Ver-tiefung zurück, und bevor er sich dort - im Gleichgewichtszustand - niederlässt, vollführt er kleinste Schwingungen um den Tiefpunkt. Mit Hilfe der oben skizzierten Anrege-Abfrage-Technik bestimmten die Forscher die Frequenz dieser Schwingungen. Daraus konnten sie die Kräfte ermitteln, die die Atome zusammenhalten, und zwar in Abhängigkeit von der seit der Anregung verstrichenen Zeit.
Damit lässt sich erstmal eine zeitabhängige "Karte" der Potentialfläche des Festkörpers (aus der die inneratomaren Kräfte hervorgehen) rekonstruieren. Die Ergebnisse, die an diesem aus der Balance geratenen Wismut-Film gewonnen wurden, lassen sich überraschenderweise - mit nur geringfügigen Abänderungen - mit einem theoretische Modell erklären, das gewöhn-lich Potentialflächen von Systemen im Gleichgewichtszustand beschreibt.
Die SPPS diente gleichsam als Testfeld für den neuen Freien-Elektronen-Laser (FEL), den Linac Coherent Light Source (LCLS), der jetzt am SLAC konstruiert wird. Mit dieser weit leistungsstärkeren Quelle wird man komplexere Systeme als Wismut, die unter Umständen eine Schlüsselrolle in anderen Gebieten wie der Medizin oder erneuerbaren Energien spielen, in ähnlicher Weise untersuchen können. Das Experiment stellt somit einen Meilenstein dar auf dem Weg, zukünftige FEL effizient als Werkzeuge zu benutzen. Forscher am MPQ und am SLAC sind an diesem Gebiet der Physik in gleicher Weise hochinteressiert.
[Heather Rock Woods, SLAC, Olivia Meyer-Streng, MPQ]
Kontact:
Dr. Reinhard Kienberger
Max-Planck-Institut für Quantenoptik,
Hans-Kopfermann-Straße 1
85748 Garching
Telefon: 49 - 89 / 32905 731
Fax: +49 - 89 / 32905 200
E-Mail: reinhard.kienberger@mpq.mpg.de

Dr. Adrian Cavalieri
Max-Planck-Institut für Quantenoptik,
Hans-Kopfermann-Straße 1
85748 Garching
Telefon: +49 - 89 / 32905 601
Fax: +49 - 89 / 32905 200
E-Mail: adrian.cavalieri@mpq.mpg.de

Max-Planck-Institut für Quantenoptik, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit:
Dr. Olivia Meyer-Streng
Telefon: +49 - 89 / 32905 213
Fax: +49 - 89 / 32905 200
E-Mail: olivia.meyer-streng@mpq.mpg.de


Dr. Olivia Meyer-Streng, Max-Planck-Institut für Quantenoptik
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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