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Hochschule Ravensburg-Weingarten, 15.07.99

Bundesweit einmaliges Diagnosesystem zur Erkennung von Blinddarmentzündungen in Betrieb genommen

Eine Kooperation zwischen der Fachhochschule Ravensburg-Weingarten und dem Weingartener Krankenhaus "14 Nothelfer" führte zu einem besonderen Projekt: "Lexmed", so heißt das computerunterstützte Diagnosesystem von Blinddarmentzündungen.

Ein bundesweit einmaliges Diagnosesystem zur Erkennung von Blinddarmentzündungen wurde im Krankenhaus "14 Nothelfer" im oberschwäbischen Weingarten in Betrieb genommen. "Lexmed", an der Fachhochschule Ravensburg-Weingarten entwickelt, schätzt ein, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein entzündeter oder ein durchgebrochener (perforierter) Blinddarm vorliegt. Weiter gibt das System an, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, daß keine Blinddarmentzündung bzw. eine andere Krankheit vorliegt und der Patient deshalb weiter untersucht werden sollte.


Die Diagnose der Appendizitis ist entgegen landläufiger Meinung nicht einfach, sondern schwierig und mit Unsicherheiten belastet. Auf der anderen Seite bedeutet die Unterlassung einer Operation bei einer akuten Entzündung ein großes Risiko. Fachleute schätzen deswegen, daß 15 Prozent der Operierten nicht hätten operiert werden müssen, es sich hierbei also um eine Fehldiagnose handelte. "Wahrscheinlichkeiten", so die Erfahrungen des Informatikers und Philosophen an der FH, Dr. Manfred Schramm, "bieten ein tragfähiges Gerüst im Umgang mit unsicherem und unvollständigen Wissen."

Ein Arzt, der die neue Medizinsoftware made in Weingarten benutzt, trägt die Untersuchungsergebnisse in ein Formular ein, das er auf der Internetseite von "Lexmed" (http://lexmed.fh-weingarten.de) aufruft. Aufgelistet sind insgesamt 14 Symptome. Zum Beispiel, in welchem Bereich des Bauchs der Patient den Schmerz spürt, ob es sich um einen Erschütterungsschmerz handelt, in welchem Maß Darmgeräusche auftreten, wie hoch das Fieber ist und wie viele Leukozyten im Blut vorkommen. Ein Knopfdruck schickt dieses Formular zur Auswertung an den zentralen "Lexmed"-Rechner.

Zugrunde liegt dem Programm eine umfangreiche Datenbank mit 15.000 Blinddarmfällen, die die Landesärztekammer Baden-Württemberg zur Verfügung gestellt hat. Professor Dr. Wolfgang Ertel von der Fachhochschule Ravensburg-Weingarten: "Zentral ist dabei die Verwendung der von uns entwickelten Software, die Wahrscheinlichkeitsaussagen verarbeiten kann und auf der Basis dieses unvollständigen Wissens informationstheoretisch korrekt antwortet." Konkret heißt das: Der Computer vergleicht den neuen Fall mit dem aus der Datenbank gewonnenen Modell und errechnet auf dieser Grundlage in wenigen Sekunden eine Diagnose.

Noch einmal anders ausgedrückt: Wird ein neuer Fall diagnostiziert, macht "Lexmed" aufgrund der Symptome eine Wahrscheinlichkeitsaussage: Wenn Symptom x und Symptom y vorkommen, dann liegt mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ein entzündeter oder durchgebrochener Blinddarm oder keine Blinddarmentzündung oder eine sonstige Krankheit vor.

Auch wenn "Lexmed", so gesteht FH-Professor Ertel, dem erfahrenen Chirurgen unterlegen bleibe, so könnten doch eine Reihe von Einrichtungen bzw. Personen von der Medizinsoftware profitieren: in erster Linie Aufnahmeambulanzen in Kliniken und niedergelassene Ärzte. Diese können das System nach Anfrage bei der Fachhochschule Ravensburg-Weingarten per Computer kostenlos zur Blinddarmdiagnose benutzen. So haben sie die Möglichkeit, auf die Erfahrungen aller am Projekt beteiligten Ärzte und ihrer Patienten zurückzugreifen.

"Lexmed" steht für "Learning Expert System for Medical Diagnosis" und ist nach Auskunft von Dr. Walter Rampf bundesweit einmalig. Ein Prototyp wurde Ende Juni 1999 an den Chefarzt der Chirurgie im Krankenhaus "14 Nothelfer" in Weingarten, übergeben. In den nächsten Monaten wird das System im Krankenhaus getestet, eventuell auftretende Probleme dokumentiert und nach Möglichkeit beseitigt.

"Geplant ist", erklärt Dr. Manfred Schramm, "'Lexmed' auf die Diagnose von allgemeinen Bauchkrankheiten zu erweitern." Dadurch werde der Einsatzbereich stark erweitert. Im Hinblick auf eine mögliche Produktentwicklung sucht die Fachhochschule zur Zeit Kontakte zu industriellen Partnern, zum Beispiel medizinischen Softwareunternehmen.

Infos bei Professor Dr. Wolfgang Ertel und Dr. Manfred Schramm, Telefon: 0751 / 501 721, Email: schramma@fh-weingarten.de


Dipl.-Journ. Tove Simpfendörfer, Hochschule Ravensburg-Weingarten
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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