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Universitätsklinikum Heidelberg, 14.12.04

Taktvolle Kommunikation

Einblicke in das Zusammenspiel von Nervenzellen / Förderpreis für Wissenschaftlerin des Universitätsklinikums Heidelberg

Dr. Maria Blatow, Nachwuchsforscherin an der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg.
Foto: privat

Wissenschaftler der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg haben eine neue Gruppe von Nervenzellen entdeckt, die die Signalübertragung im Gehirn reguliert. Gleichzeitig fanden sie heraus, dass diese so genannten "Multipolar Bursting-Zellen" (MB-Zellen) mit Hilfe eines bisher unbekannten Mechanismus das Zusammenspiel von Nervenzellen beeinflussen. Einerseits verhindern die MB-Zellen eine übermäßige Weiterleitung von Nervenimpulsen. Andererseits geben sie den "Takt", d.h. die Frequenz der Signalübertragung vor. Die herausragenden Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift "Neuron" veröffentlicht. Sie bilden einen wichtigen Grundstein für das Verständnis des Zusammenspiels von Nervenzellen, das u.a. bei psychischen Erkrankungen wie der Schizophrenie und Depression gestört ist.


Für die erfolgreichen Arbeiten unter Leitung von Professor Hannah Monyer, Ärztliche Direktorin der Abteilung Klinische Neurobiologie in der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg, und in Zusammenarbeit mit Dr. Andrei Rozov, Leiter der Arbeitsgruppe Elektrophysiologie, wurde die Nachwuchsforscherin Dr. Maria Blatow mit dem Förderpreis der "International Graduate School of Neuroscience" (ISGN) der Ruhr-Universität Bochum ausgezeichnet. Der Preis ist mit 1.500 Euro dotiert und wird für Arbeiten vergeben, die junge Wissenschaftler noch vor Abschluss ihres Studiums publizieren.

Hemmende Nervenzellen regulieren die Signalübertragung

Die Informationsverarbeitung im Gehirn wird durch das Zusammenspiel von aktivierenden und hemmenden Nervenzellen geregelt. Aktivierende Nervenzellen (Prinzipalzellen) leiten Informationen von Sinnenswahrnehmungen an das Gehirn sowie an ausführende Organe, z.B. an die Muskulatur, weiter. In diesen Prozess greifen hemmende Nervenzellen, inhibitorische Interneurone genannt, regulierend ein. Dies ist von großer Bedeutung, denn eine unkontrollierte, übermäßige Weiterleitung von erregenden Impulsen wäre schädlich und könnte etwa zu epileptischen Anfällen führen. Interneurone gewährleisten somit die notwendige Balance zwischen Erregung und Hemmung im Gehirn.

Zusätzlich geben Interneurone den "Takt" vor, in dem Nervenimpulse weitergeleitet werden. Diese Aktivitätsrhythmen unterscheiden sich in ihrer Frequenz abhängig von der Gehirnregion und vom Zeitpunkt. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei grundlegenden Funktionen des Gehirns. So hängt ein gegebener Rhythmus mit bestimmten Verhaltensformen wie Schlaf, Traum, Wachsein, Aufmerksamkeit oder Lernen zusammen.

Neue Gruppe von Interneuronen entdeckt / Schlüssel-Protein beeinflusst Informationsfluss

"Wir haben in der Großhirnrinde von Mäusen eine bislang unbekannte Gruppe von hemmenden Interneuronen entdeckt. Diese "Multipolar Bursting"(MB)-Zellen bilden dort eine Nervenzell-Gruppe mit einem relativ langsamen Aktivitätsrhythmus", erklärt Dr. Maria Blatow. Da MB-Zellen nicht nur miteinander, sondern auch mit aktivierenden Prinzipalzellen in Kontakt stehen, können sie ihren Rhythmus auf diese übertragen und deren Aktivität "takten". Derart langsame Aktivitätsrhythmen wurden bei früheren Untersuchungen mit Prozessen wie Aufwachen und Aufmerksamkeit in Verbindung gebracht. Es liegt nahe, dass MB-Zellen für solche Prozesse von Bedeutung sind.

"Wir wollten herausfinden, mit welchem Mechanismus MB-Zellen die Kommunikation zwischen einzelnen Nervenzellen und Nervenzell-Gruppen beeinflussen. Dazu untersuchten wir die Übergangsstellen zwischen den Nervenzellen, die so genannten Synapsen, an denen die Signalweiterleitung erfolgt", beschreibt die Wissenschaftlerin ihre Arbeit. Die Forschergruppe entdeckte ein wichtiges Protein, mit dessen Hilfe die MB-Zellen an den Übergangsstellen die Signalübertragung regulieren. "Es zeigte sich, dass auch andere Nervenzellen, die dieses Protein enthalten, den gleichen Mechanismus benutzen können."

"Wenn wir verstehen welche Zellen im Gehirn miteinander kommunizieren und wie sie das tun, dann gibt uns das auch Einblicke in die komplexen Funktionen des Gehirns", sagt Dr. Maria Blatow. Ohne dieses Wissen ist ein genaues Verständnis von neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen, wie z.B. Schizophrenie oder Depression, unmöglich, bei denen vermutlich das Zusammenspiel von Nervenzellen nicht funktioniert.

ISGN fördert Nachwuchswissenschaftler

Die "International Graduate School of Neuroscience" (ISGN) ist eine interdisziplinäre Einrichtung der Fachbereiche Biologie, Chemie, Medizin und Psychologie sowie des Instituts für Neuroinformatik der Ruhr-Universität Bochum. Mit ihrem Förderpreis will die ISGN junge talentierte Neurowissenschaftler schon in einer frühen Phase ihrer Karriere unterstützen.

Literatur:
Blatow M, Rozov A, Katona I, Hormuzdi SG, Meyer AH, Whittington MA, Caputi A, Monyer H (2003): A novel network of multipolar bursting interneurons generates theta frequency oscillations in neocortex. Neuron, 38:805-17.

Blatow M, Caputi A, Burnashev N, Monyer H, Rozov A (2003): Ca2+ buffer saturation underlies paired pulse facilitation in calbindin-D28k-containing terminals. Neuron, 38:79-88.

(Die Originalartikel können bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

Bei Rückfragen:
Dr. Maria Blatow
E-Mail: blatow@urz.uni-hd.de
Tel.: 06221 / 56 24 01

Diese Pressemitteilung ist auch online verfügbar unter
http://www.med.uni-heidelberg.de/aktuelles/

Weitere Informationen:


Dr. Annette Tuffs, Universitätsklinikum Heidelberg
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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