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Westfaelische Wilhelms-Universität Münster, 15.08.02

Sterilität kein Dauerschicksal

Fortschritte in der Behandlung bösartiger Tumorleiden haben dazu geführt, dass heute viele krebskranke Kinder überleben, die früher kaum eine Heilungschance hatten. Eine folgenreiche Auswirkung von Chemotherapie und Bestrahlung zeigt sich jedoch oft, wenn die jungen Patienten erwachsen werden und daran denken, eine Familie zu gründen. Denn im Zuge von Chemotherapie und Bestrahlung werden häufig auch die Keimzellen unwiederbringlich zerstört. Forschungsergebnisse von Privatdozent Dr. Stefan Schlatt vom Institut für Reproduktionsmedizin des Universitätsklinikums Münster, die in der jüngsten Ausgabe des internationalen Wissenschaftsmagazins "Nature" vorgestellt werden, weisen jetzt erstmals auf eine Möglichkeit hin, wie unfruchtbaren Männern durch die Transplantation von Hodengewebe, das ihnen vor der Therapie entnommen und bis zum Zeitpunkt der Familienplanung tiefgefroren wurde, doch noch zu einer Vaterschaft verholfen werden kann.


Während sich das Problem der durch Krebsbehandlung ausgelösten Sterilität bei erwachsenen Männer durch die Konservierung von Spermien vor der Tumortherapie lösen lässt, gab es für betroffene Kinder, die noch nicht im geschlechtsreifen Alter sind, bislang keine Aussicht auf spätere Vaterschaft. Erstmals zeichnet sich jetzt auch für diese immer größer werdende Gruppe unfruchtbarer junger Männer eine Lösung ab. Während eines Forschungsaufenthaltes als Heisenberg-Stipendiat am Zentrum für Transgenese und Keimzellforschung der Universität von Pennsylvania/USA gelang Schlatt mit seinen dortigen Kollegen der Nachweis, dass durch die Transplantation von Hodengewebe unterschiedlicher neugeborener Säugetiere unter die Haut des Rückens unfruchtbarer Mäuse sowohl die Produktion von Spermien als auch von Sexualhormonen in Gang gesetzt und aufrecht erhalten wird. Ein Transplantat von nur einem Kubikmillimeter Größe reichte aus, um diesen Prozess auszulösen. Der Erfolg war dabei unabhängig davon, ob Schlatt nun neugeborene Mäuse, Schweine oder Ziegen als Spendertiere auswählte.

Inwieweit sich diese ermutigenden tierexperimentellen Ergebnisse klinisch umsetzen lassen, ist derzeit noch offen. Für denkbar hielte es Schlatt beispielsweise, einem krebskranken Jungen vor Chemotherapie und Bestrahlung Hodengewebe zu entnehmen, dieses auf Mäuse zu verpflanzen und die gewonnenen Spermien so lange einzufrieren, bis das Kind herangewachsen ist und eine
Familie gründen will. Eine andere, ethisch wahrscheinlich weniger strittige Alternative läge in einer autologen Transplantation: Dabei würde das Hodengewebe des Kindes ebenfalls zunächst tiefgefroren konserviert und ihm später als Erwachsenen an eine beliebige Körperstelle zurückverpflanzt, um dann sozusagen im eigenen Körper die Spermienproduktion auszulösen.

Neben der klinischen Anwendung bei einer durch Krebstherapie ausgelösten Sterilität sieht der 38-jährige Wissenschaftler, der an der Universität Münster neben Biologe auch katholische Theologie studiert hat und derzeit als Heisenberg-Stipendiat am Institut für Reproduktionsmedizin in Münster tätig ist, aber auch andere Bereiche, die von seinen Forschungsergebnissen profitieren könnten. So verweist er beispielsweise auf die Chance, aussterbende oder seltene Tierarten oder- rassen durch die Konservierung von Keimzellen beziehungsweise durch die Vergrößerung des "Genpools" zu erhalten. Und nicht zuletzt würde auch die Forschung selbst profitieren: So lassen sich zum Beispiel mit dieser Methode etwa durch die Möglichkeit der Manipulation der Spermienproduktion die Auswirkungen neuer empfängnisverhütender Präparate auf die Hodenfunktion viel besser studieren als dies beim Patienten selbst der Fall ist.

Weitere Informationen:


Jutta Reising, Westfaelische Wilhelms-Universität Münster
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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