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Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 13.04.99

"Stretching" für die Knochen

Neues Verfahren zur Korrektur von Kieferfehlbildungen entwickelt

Ein schiefes Gesicht ist mehr als ein Schönheitsfehler und muß oft kieferchirurgisch behandelt werden. Doch auch die Korrektur hinter ließ bisher ihre Spuren. In der Kieferchirurgie der Universität Bonn wurde eine Apparatur entwickelt, mit der es erstmals möglich ist, fehlgebildete Kiefer schnell, gewebeschonend und für Außenstehende kaum sichtbar zu korrigieren. Nach einer aufwendigen Erprobungsphase an Tieren konnte nun der erste Patient erfolgreich behandelt werden. In Europa ist diese Neuerung einzigartig, in den USA gibt es noch zwei Zentren, die fast zeitgleich mit den Bonnern begannen, eine ähnliche Apparatur zu entwerfen.


Zum Arbeitsgebiet der Bonner Kieferchirurgie gehört neben gängigen zahnmedizinischen Behandlungen, der Unfall- und Tumorchirurgie auch die Behandlung von Kieferfehlbildungen. Solche Fehlbildungen können durch Unfälle erworben oder angeboren sein; sie können entweder die Knochen oder die Weichteile des Gesichts betreffen. Relativ bekannt und häufig sind die Lippen/Kiefer/Gaumenspalten. Fehlbildungen der Kieferknochen sind dagegen wesentlich seltener, führen aber zu erheblichen Schädeldeformationen.

Noch bis vor rund zehn Jahren hat man die zu kurzen Kieferknochen durch aus der Hüfte oder einer Rippe entnommene Knochenstücke verlängert. Problematisch bei diesem Verfahren war, daß man das Wachstumsverhalten des neuen Knochenstückes nie voraussehen konnte. Seit Anfang der Neunziger Jahre machen sich die Kieferchirurgen, wie einige Jahre zuvor bereits Unfallchirurgen und Orthopäden, die Arbeiten von Ilisarov zunutze. Er hatte - lange Zeit unbeachtet - herausgefunden, daß sich der sogenannte Kallus, die frische Knochenmasse, die bei einem Bruch gebildet wird, durch geeignete Apparaturen dehnen läßt. Dazu wird der Abstand der beiden Bruchstücke eines Knochens von einem "Fixateur externe", einem Edelstahlgerüst, das auf die jeweiligen Knochenstücke aufgeschraubt ist, schrittweise vergrößert. Nach abgeschlossener Dehnungsphase muß das neue Knochenstück noch einige Zeit fixiert bleiben, um zu verknöchern. Auf diese Weise können Knochen nahezu unbegrenzt wachsen. Das Verfahren ist als Kallus-Distraktion bekanntgeworden und hat die Medizin auf diesem Gebiet geradezu revolutioniert.

Der Verdienst der Bonner Kieferchirurgen besteht nun darin, daß sie die bisher äußerlich angebrachte Vorrichtung zur Knochenfixierung und Kallusdehnung ersetzt haben durch eine Apparatur, die an den Zähnen befestigt wird. Dazu wird der Kiefer an einer bestimmten Stelle während einer Operation gebrochen, dann die zahnbrückenartige Klammer aufgesetzt und befestigt. Das Design dieser Vorrichtung aus bestehenden Komponenten ist eine Eigenentwicklung. Die Dehnung erfolgt, sobald sich Kallus gebildet hat, durch Drehen an einer Schraube mit einer Rate von einem Millimeter pro Tag. Der Vorteil des Bonner Verfahrens besteht darin, daß die Weichteile im Gesicht nicht mehr tangiert werden und deshalb keine häßlichen Narben entstehen. Auch ist der Tragekomfort für den Patienten erheblich größer.

Bevor man mit dieser Apparatur vor einigen Wochen erstmals einen Patienten erfolgreich behandelte, war das Verfahren sehr umfassend an Schweinen erprobt worden. Schließlich wollte man sicher sein, daß durch die erfolgreiche Kieferdehnung nicht bleibende Schäden an den Zähnen oder am Zahnfleisch der Patienten entstehen.

Ansprechpartner:
Dr. Bernd Niederhagen, Tel.: 0228 - 287 2452 (Sekretariat)

Weitere Informationen:


Dorothea Carr, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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