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Universitätsklinikum Heidelberg, 07.02.06

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Universitätsklinikum Heidelberg, 07.02.06

Punktgenau - aber auch verträglich und erschwinglich?

Experten des Tumorzentrums Heidelberg / Mannheim diskutierten Vorteile und Probleme einer neuen Generation von Krebsmedikamenten

Bei der Fortbildungsveranstaltung (von links nach rechts): Professor Dr. Dr. Jürgen Debus (Leiter der Abteilung Radioonkologie und Strahlentherapie am Universitätsklinikum Heidelberg), Privatdozent Dr. Dirk Jäger (Nationales Centrum für Tumorerkrankungen NCT Heidelberg) und Professor Dr. Michael Schlander (Fachhochschule Ludwigshafen).
Foto: Universitätsklinikum Heidelberg

Neben Chirurgie, Bestrahlung und Chemotherapie soll die Behandlung mit monoklonalen Antikörpern und anderen immunologischen Verfahren zum vierten Standbein der Krebstherapie werden. Wie weit solche zielgerichteten Therapien ("Targeted Therapy") schon erfolgreich eingesetzt werden und ob sie die gewünschten neuen Perspektiven in der Onkologie bieten, berichtete das Tumorzentrum Heidelberg Mannheim in einer Fortbildungsveranstaltung für Mediziner.

Eines der bekanntesten Medikamente aus dieser Gruppe ist der Tyrosinkinasehemmer Imatinib ("Glivec"). Er wird beispielsweise bei Tumoren im Magen-Darm-Trakt (Gastronintestinalen Strumatumoren) eingesetzt. Hier ist eine Rückbildung des Tumors möglich, was eine chirurgische Entfernung erleichtert. Von Heilung allerdings konnte Dr. Dirk Jäger vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg nicht berichten.


Ähnliche monoklonale Antikörper werden bereits in Studien getestet oder sind unter bestimmten Voraussetzungen auch zugelassen, etwa, wenn die Chemotherapie versagt hat.

So plant die Thorax-Klinik Heidelberg in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Kassel eine chemotherapiefreie Studie an Lungenkrebspatienten, in der der monoklonale Antikörper Bevacizumab mit einem Tyrosinkinasehemmer kombiniert wird. Beide Substanzen hemmen die biologischen Abläufe in der Tumorzelle. "Wir wissen aus US-Studien, dass ein solcher Therapieansatz noch zu einer Verkleinerung des Tumors und einer Verlängerung der Lebenszeit führen kann", unterstrich Professor Dr. Michael Thomas, Chefarzt der Abteilung Internistische Onkologie der Thoraxtumoren an der Thoraxklinik Heidelbreg-Rohrbach. Auch zusammen mit Strahlentherapie sind die neuen Medikamente eine interessante Therapieform für Lungenkrebs-Patienten, die für Chemotherapie nicht geeignet sind.

Wunderdinge können die Mediziner dennoch nicht berichten. Zum einen haben auch zielgerichtete Medikamente Nebenwirkungen, etwa Hautausschläge, Schüttelfrost, arterielle Hypertonie oder Blutungen, zum anderen ist die Anwendung oft nur sinnvoll, wenn beim Patienten die richtigen Voraussetzungen vorliegen. So stellen Pathologen mit Hilfe von Gewebeanalysen nicht nur den Tumor-Typ fest. Sie können zudem die Patienten identifizieren, die auf molekularbiologische Verfahren ansprechen, bei denen also eine positive Wirkung zu erwarten ist.

Meist werden diese Verfahren auch nicht für sich alleine zur Krebsabwehr eingesetzt. Wie Professor Dr. Anthony Ho, der Ärztliche Direktor der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg, Abteilung Innere Medizin V, deutlich machte, werden etwa Glivec oder Anti-CD20-Antikörper fast schon standardmäßig in der Hämatologie eingesetzt. "Um das Maximale rauszuholen, brauchen wir aber zusätzlich Chemotherapie."

Gegen einen breiten Einsatz der modernen Medikamente spricht jedoch ihr Preis; eine Therapie kann mehrere tausend Euro pro Monat kosten. "Können wir uns Targeted Therapies überhaupt leisten?", lautete die Frage, die Professor Dr. Michael Schlander von der Fachhochschule Ludwigshafen beantworten sollte. Schlander ist Mitgründer des unabhängigen wissenschaftlichen "Institute for Innovation and Valuation in Health Care".

Das Verhältnis von Kosten und Nutzen werde künftig für jede Einzeltherapie abzuwägen sein, meinte er. "Eine Frage der Medizinethik und der Präferenzen der Bevölkerung, die sich immer für die Versorgung Schwerstkranker ausspricht." Der Wirtschaftswissenschaftler und Mediziner wies allerdings nach: "Wir haben kein Problem der Finanzierbarkeit, sondern der Finanzierungsbereitschaft." Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung hätten zwischen 1980 und 2000 konstant bei etwa sechs Prozent des deutschen Bruttosozialproduktes gelegen. "Es gab seit 25 Jahren keine Kostenexplosion."

Das schaffte Deutschland damit, dass es von 1990 bis 2000 im internationalen Vergleich mit Staaten wie etwa USA, Frankreich, Schweden, Australien inflationsbereinigt die niedrigsten Pro-Kopf-Ausgaben im Gesundheitswesen hatte - finanziert durch das Verschreiben von Generika und die Ausscheidung "nicht wirksamer" Medikamente aus dem Verschreibungskatalog. Die Zahl der Rezepte sei eher rückläufig. Dafür gebe es eine Verschiebung hin zu neuen und teuren Medikamenten. Schlander unterstrich: "Wenn wir teilhaben wollen am medizinischen Fortschritt, muss die Wachstumsrate im Gesundheitswesen um zwei Prozentpunkte höher liegen als das volkswirtschaftliche Wachstum".

Kontakt:
Dr. Ingrid Schamal
Koordinatorin des Tumorzentrums Heidelberg/Mannheim
Im Neuenheimer Feld 105/110, 69120 Heidelberg
Tel.: (+496221) 56 65 58 Fax: 56 50 94
E-Mail: ingrid.schamal@med.uni-heidelberg.de

Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: Annette_Tuffs@med.uni-heidelberg.de

Diese Pressemitteilung ist auch online verfügbar unter
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse


Dr. Annette Tuffs, Universitätsklinikum Heidelberg
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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