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Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, 22.03.05

Präsident der Akademienunion feiert 70. Geburtstag


Der gebürtige Preuße Gerhard Gottschalk, der 1959 an der Berliner Humboldt-Universität sein Chemiediplom erwarb, promovierte 1963 im Fach Mikrobiologe an der Georg-August-Universität Göttingen, wo er seitdem - trotz zahlreicher Rufe anderer Hochschulen - mehr als die Hälfte seines Lebens zugebracht hat: Seit 1970 lehrt und forscht er ungeachtet seiner Emeritierung im Jahre 2003 am Institut für Mikrobiologie und Genetik, dessen Laboratorium für Genomanalyse er seit 1997 leitet. Wer ihn aber deshalb verdächtigen wollte, nicht über den Tellerrand seines eigenen Mikroskops hinausgeblickt zu haben, irrt gewaltig. Hat er doch im Laufe seiner beeindruckenden Karriere immer wieder als Gastprofessor an der renommierten University of California unterrichtet, arbeitet eng mit Wissenschaftlern der Hebräischen Universität Jerusalem zusammen und ist im "Kompetenzhandbuch" der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen als Ansprechpartner für die Vermittlung von Kontakten sowohl zu den bereits genannten Universitäten als auch zu den Akademien der Wissenschaften Russlands und der Slowakei aufgeführt.


Diese kommunikativen Fähigkeiten in Verbindung mit einer glänzenden wissenschaftlichen Reputation waren sicher ein wichtiger Grund dafür, dass Prof. Gottschalk schon in jungen Jahren zum Rektor der Georg-August-Universität Göttingen gewählt wurde (er hatte dieses Amt von 1975 bis 1976 inne). Und ohne sie wäre er bestimmt nicht eine der Schlüsselfiguren im Göttinger Zentrum des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten "Kompetenznetzwerks Genomforschung an Bakterien für die Analyse der Biodiversität und die Nutzung zur Entwicklung neuer Produktionsverfahren" geworden, mit dessen Koordination er seit der Einrichtung des Kompetenznetzwerks, eines von bundesweit drei Netzwerken dieser Art, im Jahre 2001 betraut ist.

Sichtbares Zeichen der wissenschaftlichen Produktivität Gerhard Gottschalks sind u.a. rund 300 Erstveröffentlichungen, aber auch die hohe Nachfrage nach seinem in zwei Auflagen erschienenen und in die japanische sowie in die russische Sprache übersetzten Buch "Bacterial Metabolism". Schwerpunkte seiner Veröffentlichungen wie auch seiner Arbeit im Kompetenznetzwerk und an der Universität sind die Erforschung des Stoffwechsels und der Bioenergetik der Bakterien sowie die Entschlüsselung kompletter Bakteriengenome. Ein Genom ist die Gesamtheit der Gene einer bestimmten Organismenart, deren Abfolge (Sequenz) die Forscher zu entschlüsseln versuchen ("Sequenzierung"). "Es ist also die Bestimmung der Abfolge von Millionen von Buchstaben in der DNA notwendig, damit alle diese Gene erkannt werden können", so Prof. Gerhard Gottschalk.

Den Wissenschaftlern des Göttinger Kompetenznetzwerks ist es gelungen, schon zehn komplette Bakteriengenome zu entschlüsseln. Bakterien sind als Forschungsobjekte besonders interessant, weil sie über sehr differenzierte Stoffwechselfähigkeiten verfügen, selbst unter extremen Lebensbedingungen. Die Entschlüsselung ihrer Genome liefert beispielsweise Erkenntnisse über die Umsetzung chemischer Verbindungen oder neuartige Reaktionsmechanismen. Für das so gewonnene Wissen gibt es zahlreiche praktische Anwendungsmöglichkeiten. Es erlaubt beispielsweise die gezielte Veränderung einzelner Bakteriengene, wodurch "Stoffwechselflüsse in eine andere Richtung gesteuert werden. So lassen sich neuartige Produktionsorganismen für die Industrie konstruieren" (Prof. Gottschalk), aber auch neuartige Produkte wie z.B. "hitzestabile Proteine für die Waschmittelindustrie, für die Stärke- und Lebensmittelindustrie" gewinnen.

Medizin und Pharmaindustrie profitieren von der Möglichkeit, pharmazeutische Produkte sozusagen genetisch maßgeschneidert herzustellen und neue Therapiemöglichkeiten zu entwickeln. Aknepatienten dürfen sich über die Entschlüsselung des Erbguts des Akne-Erregers, eines an sich harmlosen Bakteriums namens Propionibacterium acnes, freuen. Und die bei der Sequenzierung gewonnenen Einblicke in die Zusammenhänge bakterieller Lebensgemeinschaften in sogenannten Biofilmen könnten Prof. Gottschalk zufolge sogar für das Überleben der Menschheit wichtig werden: "Sie werden von hohem Wert sein, wenn wir die natürlichen Bakterien verstärkt einsetzen müssen, um schädlichen Veränderungen unserer Umwelt Einhalt zu gebieten." So zielt beispielsweise die Entschlüsselung des Bacillus licheniformis auf die Optimierung der mit Hilfe dieses Bakteriums hergestellten umweltschonenden Waschmittel.

Die nationale wie internationale Anerkennung der Arbeit Prof. Gottschalks findet schon seit Jahren Ausdruck in zahlreichen Auszeichnungen (so ist er beispielsweise Philip-Morris-Preisträger), Ämtern und Akademie-Mitgliedschaften im In- und Ausland: Er gehört der Deutschen Akademie der Naturforscher (Leopoldina) als Mitglied und mehreren ausländischen Wissenschaftsakademien als korrespondierendes Mitglied an. Von 1996 bis 1998 war er Vizepräsident und von 1998 bis 2000 Präsident der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Als erster Deutscher wurde er darüber hinaus 1998 Präsident von All European Academies (ALLEA), dem Zusammenschluss aller großen europäischen Wissenschaftsakademien (bis 2000). Seit dem 1. Januar 2003 ist Prof. Dr. Gerhard Gottschalk Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften.

Mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse durch den niedersächsischen Wissenschaftsminister Lutz Stratmann am 31. März dieses Jahres sollen nun all diese Stränge gewürdigt werden: Gottschalks "fundamentale Forschungsergebnisse über den Stoffwechsel von Bakterien und Archaebakterien", sein "Engagement in Forschungsgemeinschaften und Akademien" sowie das "ehrenamtliche, christliche Engagement" des verheirateten Vaters dreier Kinder.

Weitere Informationen:


Myriam Hönig, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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