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Forschungszentrum Karlsruhe in der..., 04.02.00

Neue Therapie gegen Schuppenflechte

Mit Psoriasis palmaris befallende Hände vor der Therapie.

Mit Psoriasis palmaris befallene Hände nach der Therapie.

Mehr als zwei Millionen Bundesbürger leiden unter Schuppenflechte (Psoriasis). Diese meist chronisch verlaufende Hauterkrankung ist nicht lebensbedrohend, schränkt aber die Lebensqualität der Patienten stark ein. Bisherige Behandlungen sind sehr aufwendig, teuer und oft mit Nebenwirkungen verbunden. Krankenhausaufenthalte sind häufig unumgänglich. Einige Formen der Psoriasis sprechen auf gängige Therapien kaum oder gar nicht an.
Das Forschungszentrum Karlsruhe hat nun eine neuartige, praktisch nebenwirkungsfreie Therapie gegen Schuppenflechte entwickelt, die auf der Behandlung mit Interferenzstrom basiert, einem niederfrequenten pulsierenden Wechselstrom, der bisher vor allem in der Physiotherapie angewendet wird.

Nachdem Pilotstudien die grundsätzliche Wirksamkeit der Interferenzstromtherapie gegen die Psoriasis belegt hatten, wurde nun eine aussagekräftige klinische Studie für eine spezielle Lokalisation der Erkrankung, die Psoriasis palmaris, abgeschlossen. Hierbei handelt es sich um einen Befall der Hände, der die Patienten psychisch stark belastet und häufig zu einer Einschränkung der Berufsausübung führt. Diese Form der Schuppenflechte spricht auf übliche Therapeutika kaum an.
Die Studie belegt eindrucksvoll die Wirksamkeit der Interferenzstromtherapie: Bei elf von zwölf Patienten war der Befall abgeheilt oder deutlich reduziert. Lediglich bei einem Patienten schlug die Therapie nicht an, weshalb er die Behandlung vorzeitig abbrach. Bei allen Probanden bestand die Erkrankung seit mindestens einem Jahr; übliche Therapien hatten keinen Erfolg gebracht. Im Laufe der Studie wurden die Hände der Patienten über einen Zeitraum von drei Monaten zweimal täglich für einige Minuten mit Interferenzstrom behandelt. Um eine regelmäßige Behandlung zu gewährleisten, führten die Patienten die Anwendungen nach Anleitung zu Hause durch.
"Die Behandlung ist nicht nur einfach, sondern praktisch auch ohne Nebenwirkungen", fasst Professor Dr. Hermann Dertinger, Leiter des Bereichs Biophysik am Institut für Medizintechnik und Biophysik des Forschungszentrums Karlsruhe, zusammen. "Während der Anwendung spüren die Patienten nur ein schwaches Kribbeln auf der Haut. Die eingesetzten Stromstärken liegen weit unter dem Niveau einer Elektromassage."
Die Studie wurde an der Universitäts-Hautklinik des Klinikums Mannheim durchgeführt und von der Manfred und Ursula Müller-Stiftung im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gefördert. Die Ergebnisse sind in den Proceedings der Tagung "Biological Effects of Light 1998" veröffentlicht und werden in ausführlicher Form im "European Journal of Dermatology" erscheinen. Für die neuartige Psoriasis-Therapie liegt derzeit noch keine Zulassung durch die Kostenträger vor.
Die Laborversuche lassen vermuten, daß die Interferenzstromtherapie auch zur Behandlung anderer entzündlicher, mit gestörter Zellfunktion verbundener Krankheiten weiterentwickelt werden kann.

Wissenschaftlicher Hintergrund
Das Krankheitsbild der Psoriasis beruht auf einer zehnfach erhöhten Teilungsaktivität der Zellen in der Basalschicht der Haut. Normalerweise wandern die Tochterzellen unter Veränderung ihrer Struktur (Verhornung) zur Hautoberfläche, wo sie abschilfern. Bei der Psoriasis kommt es durch den erhöhten Nachschub an Zellen zu der charakteristischen massiven Schuppung. Ein großflächig erkrankter Patient kann pro Tag bis zu einer Kehrschaufel voller Schuppen produzieren. Außerdem bildet sich in dem unter der Epidermis gelegenen Bindegewebe ein Ödem und ein entzündliches Infiltrat.
Die therapeutische Wirksamkeit elektrischer Felder und Ströme ist seit längerem bekannt. Die Ursachen hierfür, insbesondere die biophysikalischen Zusammenhänge auf der Ebene der betroffenen Zellen, waren jedoch bislang unbekannt. Eine Forschergruppe am Institut für Medizintechnik und Biophysik des Forschungszentrums Karlsruhe hat mit ihren Experimenten erste Schritte zum grundlegenden Verständnis der verantwortlichen Zellmechanismen getan und darauf aufbauend eine spezielle Form der Elektrotherapie entwickelt, die auf der lokalen Anwendung eines niederfrequenten, amplitudenmodulierten Wechselstromes (Interferenzstrom) beruht.
Lebende Zellen wechselwirken mit niederfrequenten Feldern über molekulare Oberflächenstrukturen in der Zellmembran, so genannten Rezeptoren. Dadurch werden in den Zellen Signale ausgelöst, die komplexe Zellfunktionen beeinflussen können. Beispiels-weise kann die Menge des zellulären Botenstoffes cAMP (cyclisches Adenosinmonophosphat) durch die Felder verändert werden. Je nach Modulationsfrequenz der Felder tritt eine Erhöhung oder Verringerung auf.
Die Behandlung von Schuppenflechte mit Interferenzstrom zielt darauf ab, die krankhaft erhöhte Teilungsaktivität der Basalzellen wieder zu normalisieren. Ansatzpunkt ist der schon seit längerem bekannte Befund, dass in den psoriatischen Hautzellen die Konzentration des Botenmoleküls cAMP erniedrigt ist. Dies ist häufig ein Auslöser für eine Erhöhung der Teilungsaktivität von Zellen. In den Zellen kann nun mit niederfrequentem Wechselstrom, der mit geeigneten Frequenzen moduliert wird, die cAMP-Konzentration erhöht werden, was bei wiederholter Strombehandlung zu einer Normalisierung der Teilungsaktivität führen sollte.
In Laborversuchen an Zellkulturen wurden als geeignete Modulationsfrequenzen 10 und 100 Hertz bei einer Grundfrequenz des Wechselstromes von 4000 Hertz identifiziert. Mit diesen Frequenzen wurden die Hände von Psoriasis palmaris-Patienten bei Stromdichten von ca. 100 Mikroampere/cm² behandelt. Dabei wurde über einen Zeitraum von 12 Wochen zweimal täglich eine Kurzzeitbehandlung (5 bis 10 Minuten Dauer) durchgeführt. Die Interimsanalyse der Studie zeigt ein hochsignifikantes Ergebnis (Irrtumswahrscheinlichkeit 0,003); die Studie wurde mit einem Behandlungsresultat von 90 % Ansprechrate abgeschlossen.
Joachim Hoffmann 2. Februar 2000


Inge Arnold, Forschungszentrum Karlsruhe in der Helmholtz-Gemeinschaft
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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