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Universität zu Lübeck, 03.03.05

Herzinfarkt: Genetische Untersuchungen tragen zum Aufspüren von Hochrisiko-Patienten bei

Praktische Anwendung von Forschungsergebnissen der Universitätskliniken Regensburg und Lübeck im nationalen Genomforschungsnetz (NGFN)

Prof. Dr. Heribert Schunkert, Lübeck

In einer neuen Studie der Universitäten Regensburg und Lübeck wurde festgestellt, dass bestimmte Merkmale der Atherosklerose stärker vererbbar sind als andere. So sind Einengungen des Hauptherzkranzgefäßes (Hauptstamm) und der proximalen Abschnitte der grossen Herzkranzgefäße die gefährlichsten Stellen für die koronare Herzerkrankung und scheinen gleichzeitig die höchste Vererbungsrate zu haben. Die Studie "Distinct Heritable Patterns of Angiographic Coronary Artery Disease in Families With Myocardial Infarction" wurde in der neuesten Ausgabe von "Circulation", der wichtigsten kardiologischen Fachzeitschrift, veröffentlicht.


"Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand ist diese Untersuchung die erste, welche die unterschiedlichen Arten der koronaren Herzerkrankung aufteilt und die Bedeutung von Erbfaktoren dem jeweiligen Krankheitsbild zuordnet" schreibt Prof. Dr. Heribert Schunkert, einer der Autoren der Arbeit und Direktor der Medizinischen Universitätsklinik II in Lübeck. "Die starke Vererbbarkeit von bestimmten schweren Erscheinungsformen der koronaren Herzerkrankung, im Besonderen den Engstellen am Hauptstamm der Kranzarterien, kann eine wichtige Bedeutung für die Vorsorge-Untersuchungen von asymptomatischen Verwandten haben."

Prof. Dr. Christian Hengstenberg, ebenfalls Autor der Studie und Kardiologe an der Universitätsklinik Regensburg, der mit seiner Arbeitsgruppe seit vielen Jahren die Genetik von Herzerkrankungen untersucht, hebt die Bedeutung der vorliegenden Arbeit hervor: "Unsere Ergebnisse zeigen erstmalig, dass genetische Faktoren nicht nur das Auftreten der koronaren Herzerkrankung überhaupt, sondern sogar ihre Ausprägung in Form und Stärke wesentlich mitbestimmen. Wir sollten uns angewöhnen, nicht nur den Patienten selbst, sondern auch seine Familie zu betrachten. Weist ein Patient also ein bestimmtes Befallsmuster der koronaren Herzerkrankung auf, zum Beispiel eine schwere Einengung des Hauptstamms, so kann durch einfache Screening-Untersuchungen das Risiko seiner Angehörigen, ebenfalls erkrankt zu sein, recht gut abgeschätzt werden. Und vor allem kann dann noch rechtzeitig reagiert werden! Das wäre dann eine Art Familien-basierte Prävention". Zusätzlich erklärt er, dass die Ergebnisse, wie in diesem Forschungsbereich üblich, zusätzlich in anderen Populationen bestätigt werden müssen.

Genetischer Hintergrund

Einengungen der Herzkranzgefäße und das Auftreten eines Herzinfarktes werden erheblich durch erbliche Faktoren beeinflusst. Bisher wurde jedoch noch nicht untersucht, ob es bestimmte Merkmale der koronaren Herzerkrankung gibt, die in einem besonderen Ausmaß durch genetische Faktoren beeinflusst werden. Diese jetzt veröffentliche Studie ist ein Teil einer 10-jährigen Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Regensberg und Lübeck sowie der Medizinischen Hochschule von Wisconsin in Milwaukee (USA).

Die Forscher untersuchten die Herzkatheterfilme von 882 Geschwistern aus 401 Familien mit koronarer Herzerkrankung. Die Familien wurden dadurch ermittelt, dass der Indexpatient einen Herzinfarkt vor dem 60. Lebensjahr erlitten und mindestens ein Geschwister mit einer schweren koronaren Herzerkrankung gehabt hat. Die Autoren analysierten dann, in welchem Ausmaß verschiedene Aspekte der koronaren Herzerkrankung einer genetischer Steuerung unterliegen. Hierzu gehören vor allem die Schwere der Erkrankung, die Verteilung der Einengungen und das Vorhandensein von Kalkbildung. Anschließend wurden Berechnungen zum Vererbungsgrad mit der Varianzkomponenten-Analyse durchgeführt.

So konnte gezeigt werden, dass die traditionellen Risikofaktoren, wie z.B. das Alter beim Erstereignis, eine erhebliche Erblichkeit aufwiesen. Nach Adjustierung für Alter und Geschlecht wurden starke genetische Einflüsse für ursprungsnah gelegene Engstellen der Herzkranzgefäße, besonders im linken Hauptstamm, für das Vorhandensein von koronaren Verkalkungen und für Erweiterungen der Herzkranzgefäße gesehen. Einengungen der kleineren Gefäßabschnitte, das Muster der koronaren Blutversorgung oder die Anzahl der erkrankten Gefäße wurden weit weniger von genetischen Faktoren beeinflusst.

Berechnet man das Risiko für diese Merkmale der koronaren Herzerkrankung bei Geschwistern der Herzinfarktpatienten, so konnte ihre starke Erblichkeit bestätigt werden.

"Der nächste Schritt ist nun, zu versuchen, diejenigen Gene zu identifizieren, die für die unterschiedlichen Ausprägungsmuster der koronaren Herzerkrankung verantwortlich sind", sagt Prof. Hengstenberg. "Schließlich wollen wir - und das ist der Grund, warum wir diese Untersuchungen machen - diejenigen Gene finden, die eine Veranlagung zur koronaren Herzerkrankung übertragen. Unser Ansatz in dem Gemeinschaftsprojekt der Kardiologien der Universitäten Regensburg und Lübeck besteht darin, zuerst die Krankheit besser zu kategorisieren und anschließend die Krankheitsgene zu identifizieren." Diese Untersuchungen werden unter anderem vom Nationalen Genomforschungsnetz (NGFN) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unterstützt.

Weitere Informationen:


Rüdiger Labahn, Universität zu Lübeck
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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