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Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 25.01.00

Haschisch: Einstiegsdroge oder medizinischer Hoffnungsträger?

Haschisch und Marihuana werden aus der Cannabis-Pflanze gewonnen und sind hauptsächlich als Rauschmittel bekannt. Ihre Wirkstoffe, die Cannabinoide, kommen aber nicht nur im Pflanzenreich, sondern auch im Körper des Menschen vor: Mediziner von der Universität Würzburg haben entdeckt, dass bei einem Schock vermehrt körpereigene Cannabinoide freigesetzt werden. Jetzt prüfen sie, ob eine Anwendung dieser Stoffe bei der Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Frage kommt.

"Bei einer nächtlichen Razzia stellte die Polizei 15 Kilo Haschisch mit einem Schwarzmarktpreis von 150.000 Mark sicher. Das Cannabis war für Konsumenten in Deutschland bestimmt, die erfahrungsgemäß meist nicht beim relativ harmlosen Hasch bleiben, sondern schnell zu Drogen mit höherem Abhängigkeitspotenzial, wie Heroin oder LSD, übergehen." Solche oder ähnliche Meldungen kann man fast täglich in der Zeitung lesen.

Die Wirkungsweise der Cannabinoide, die rauschhafte Zustände auslösen können, wird seit Jahrzehnten intensiv erforscht. In der Medizin sind es vor allem Gruppen aus der Psychiatrie und Neurologie, die sich mit den meist unerwünschten Wirkungen nach dem Konsum von Haschisch beschäftigen. Dabei ist es bis heute umstritten, ob Cannabinoide körperlich abhängig machen.


In jüngster Zeit erhielt die Forschung über Cannabinoide spektakulären Auftrieb: Zum einen entdeckte man sowohl beim Menschen als auch bei verschiedenen Tierarten spezifische Rezeptoren, an denen die Cannabinoide andocken. Die Aktivierung dieser Rezeptoren bewirkt laut Dr. Jens Wagner von der Medizinischen Klinik der Universität Würzburg mehr als einen "billigen Rausch". Es gehöre inzwischen zum gesicherten medizinischen Wissen, dass Cannabinoide als Schmerzmittel in Frage kommen, zum Beispiel bei der Therapie des Glaukoms, also des "grünen Stars". Außerdem könnten die Wirkstoffe der Cannabis-Pflanze den Appetit anregen, was sich beispielsweise bei Tumorkranken positiv auswirke. Zudem würden sie den Brechreiz unterdrücken, der sich im Verlauf einer Chemotherapie einstellen kann.

Sowohl die pflanzlichen als auch die körpereigenen Cannabinoide aktivieren die entsprechenden Rezeptoren, die sich nicht nur im Gehirn, sondern auch in den Blutgefäßen befinden. Mit anderen Worten: "Die Natur hat diese Rezeptoren nicht erschaffen, damit sie einem Joint zur Wirkung verhelfen, sondern weil sie Teil eines wichtigen Botensystems im Körper sind", so Dr. Wagner. Dabei sei der erste Nachweis für den Sinn dieses Botensystems überraschend gekommen: Die Würzburger Wissenschaftler konnten am Tiermodell zeigen, dass körpereigene Cannabinoide vermehrt in Situationen freigesetzt werden, die der Mediziner als Schock bezeichnet. Belegt sei dies bisher für den Schock nach einer größeren Blutung oder nach einer Blutvergiftung durch bestimmte Bakterien. In diesem Fall tragen die Cannabinoide zwar zum extrem niedrigen Blutdruck bei, wirken aber möglicherweise den Schockfolgen entgegen, indem sie die Blutgefäße in den kritischen Organen Gehirn und Herz erweitern.

Bei einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt an der Medizinischen Klinik steht der so genannte CB1-Cannabinoid-Rezeptor im Mittelpunkt: Es soll ergründet werden, welche Rolle er beim Kreislaufversagen nach einem Herzinfarkt und während einer Herzmuskelschwäche (Herzinsuffizienz) spielt. Dr. Wagner: "Wir wissen, dass Cannabinoide Blutgefäße erweitern können. Geschieht dies in so genannten Widerstandsgefäßen, dann sinkt der Blutdruck. Unklar ist, ob es Sinn macht, durch Stoffe, die spezifisch diese Wirkung aufheben, den Blutdruck wieder anzuheben." Denn natürlich sei beispielsweise in den Gefäßen, die den Herzmuskel oder das Gehirn versorgen, eine Erweiterung und somit eine bessere Blutzufuhr erwünscht. Erst wenn diese und andere Fragen der Grundlagenforschung beantwortet sind, werde man wissen, ob Cannabinoide die therapeutische Palette bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen erweitern können.

Weitere Informationen: Dr. Jens Wagner, T (0931) 201-3456, Fax (0931) 201-5302, E-Mail:
J.Wagner@medizin.uni-wuerzburg.de

Kurzfassung:
Haschisch als medizinischer Hoffnungsträger?

Die Wirkstoffe von Haschisch und Marihuana, die so genannten Cannabinoide, kommen nicht nur in Pflanzen, sondern auch in Tieren und beim Menschen vor. Mediziner der Universität Würzburg haben nun am Tiermodell herausgefunden, dass diese körpereigenen Cannabinoide vermehrt bei einem Schock freigesetzt werden. Belegt sei dies bisher für den Schock nach einer größeren Blutung oder nach einer Blutvergiftung durch bestimmte Bakterien. In diesem Fall tragen die Cannabinoide zwar zum extrem niedrigen Blutdruck bei, wirken aber möglicherweise den Schock-folgen entgegen, indem sie die Blutgefäße in den kritischen Organen Gehirn und Herz erweitern. Jetzt prüfen die Würzburger Wissenschaftler um Dr. Jens Wagner, ob eine Anwendung der Haschisch-Wirkstoffe bei der Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Frage kommt. Ihr Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.


Robert Emmerich, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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