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Biologische Bundesanstalt für Land- und..., 18.03.04

Gelbe Nester im Getreide - ein ganz besonderes Virus breitet sich aus

Ein Virus und seine Geschichte
Bei den erstmals vor circa 35 Jahren aufgefallenen gelben Nestern kranker Pflanzen konnten Wissenschaftler der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) ein Gelbmosaikvirus als Ursache nachweisen. Das Besondere der Krankheit ist, dass erstmals in Europa ein Virus diagnostiziert wurde, das nicht durch Insekten, sondern durch einen Bodenpilz auf die Pflanze übertragen wird. Wie zu erwarten, breitete sich dieses bodenbürtige Virus, GMV-1, sehr rasch in fast allen westeuropäischen Länder aus. In Deutschland ist es die häufigste Krankheit an Wintergerste. Erstaunlich und verwirrend ist beim ersten Hinsehen, dass in den vergangenen Jahrzehnten trotzdem nie von Schäden oder Ernteausfällen bei Wintergerste die Rede war. Des Rätsels Lösung: es fanden sich schnell resistente Pflanzen, so dass das Bundessortenamt inzwischen bereits 49 Wintergerste-Sorten listen kann, die gegen das GMV-1 resistent sind. Ein weiterer, sehr ungewöhnlicher Vorteil war, dass alle Sorten eine dauerhafte 100%ige Resistenz zeigten. Selbst auf hochgradig verseuchten Feldern entwickelten sich alle Pflanzen der resistenten Sorten zu gesunden Pflanzen mit hohen Erträgen. Das Problem mit Gelbmosaikviren war für die Landwirte erfolgreich und umweltfreundlich gelöst.


Resistenz durchbrochen?
In diesem Winter sieht das in vielen Gemeinden, vor allem in den alten Bundesländern, anders aus. Auf den mit Wintergerste bestellten Flächen haben sich massiv gelbe Nester ausgebildet. Diese Nester unterschiedlicher Größe, manche auch entlang der Furchen, lassen Erinnerungen an das erste Auftreten von bodenbürtigen Viren vor 20 - 30 Jahren wach werden. Einige Felder sind bereits total befallen.

Die Vermutung liegt nahe, dass ein Virus aufgetreten ist, das die Resistenz der Sorten durchbricht und gegenüber dem die Pflanzen anfällig für die Krankheit sind. Ein Vorgang, der nicht ungewöhnlich ist und die Züchter vor immer neue Herausforderungen stellt. Dieses neue Virus wurde bereits Ende der 80er Jahre von Winfried Huth, einem ehemaligen Mitarbeiter des Instituts für Pflanzenvirologie, Mikrobiologie und biologische Sicherheit der BBA entdeckt. Das zeitgleich in England und Frankreich nachgewiesene Virus wurde zur leichteren Unterscheidung als Gelbmosaikvirus-2 (GMV-2) bezeichnet. Man geht davon aus, dass das Virus schon immer in den Böden war, sich aber gegen die aggressivere "alte" Form erst mit dem Anbau der resistenten Sorten allmählich durchsetzen konnte. Seither beobachtet die BBA, wie sich das Virus langsam ausbreitet.

In diesem Winter sind es die Witterungsbedingungen, die das Ausmaß der Verbreitung von GMV-2 deutlich machen. Da das Virus in Wissenschaftskreisen schon lange bekannt ist, konnte das Bundessortenamt aufgrund von Arbeiten in der Züchtung im Jahr 2003 bereits vier leistungsfähige Sorten zulassen, denen das GMV-2 nichts anhaben kann. Spannend dabei ist, dass diese Sorten nicht nur gegen GMV-2, sondern gleichzeitig gegen die "alten" GMV-1 Viren vollkommen resistent sind.

Ob die Landwirte in diesem Jahr um ihre Erträge fürchten müssen, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht absehbar. Dies hängt von der Witterung der nächsten Monate ab. Steigen die Temperaturen Mitte März an, werden die Vergilbungen zurückgehen. Die Pflanzen können sich regenerieren, obwohl sie infiziert sind. Gibt es jedoch bis in den April oder Mai neue Frostperioden, könnte es zu leichten Ertragseinbußen kommen.

Die Geschichte geht weiter...
Es ist damit zu rechnen, dass zukünftig immer stärker Sorten mit einer umfassenden Resistenz gegen beide Virustypen angebaut werden. So könnte auch verhindert werden, dass sich GMV-2 weiter ausbreitet.
In Frankreich wurde jetzt auf einem Feld ein neues, drittes Gelbmosaikvirus entdeckt, was sich weiter ausbreiten wird. Es wird jedoch Jahre dauern, bis es auch in Deutschland auftritt. Beruhigend ist, dass gegen dieses Virus bereits Resistenzen nachgewiesen wurden. Bemerkenswert dabei ist, dass die gefundenen resistenten Pflanzen nicht nur gegen das neue Virus, sondern gleichzeitig gegen die beiden bisherigen Virustypen (GMV-1 und GMV-2) stabil sind.

Pflanzenviren sind extrem klein und es benötigt Expertenwissen, um sie genau zu bestimmen. Im Falle der Gelbmosaikviren wird deutlich, wie wichtig es ist, Schädlinge und Krankheiten frühzeitig zu erkennen und exakt zu diagnostizieren: Die Züchter hatten den zeitlichen Vorlauf, den sie benötigen, um entsprechende Sorten zu züchten, bevor das Virus größere ökonomische Schäden anrichten kann. Die Landwirte können im Falle der Gelbmosaikviren daher beruhigt in die Zukunft schauen.


Dr. Gerlinde Nachtigall, Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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