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Klinikum der Universität München, 16.09.02

Fortschritt in der Behandlung der chronischen lymphatischen Leukämie

Immun-Chemotherapie erzielt hohe Ansprechraten

Die chronische lymphatische Leukämie (CLL) ist mit Abstand die häufigste Leukämie des Erwachsenen. Mit einem Häufigkeitsgipfel im 65. Lebensjahr betrifft sie vor allem ältere Personen, doch die Diagnose wird zunehmend auch bei Jüngeren gestellt. "Immer häufiger stellen wir diese Diagnose auch bei Patienten unter 50 Jahren", so Professor Dr. Michael Hallek, Leiter der Deutschen CLL-Studiengruppe, anläßlich des IV. Internationalen Workshops vom 13.-15. September 2002 in Irsee, den die Deutsche CLL Studiengruppe alle zwei Jahre durchführt. Im Kloster Irsee trafen sich die führenden Leukämie-Forscher aus aller Welt, um ihre Erfahrungen und Erkenntnisse auszutauschen.


PARADIGMAWECHSEL
Dr. Kanti Rai aus New York, einer der Väter der modernen Forschung zur chronischen lymphatischen Leukämie, faßte den Paradigmawechsel in der Therapie der zusammen: "Anstelle des bisherigen, palliativen Ansatzes versuchen wir heute mit völlig neuen Möglichkeiten das bestmögliche Ansprechen auf die Therapie bei noch akzeptabler Toxizität zu erzielen". Viele alte Dogmen zu dieser Erkrankung fallen. Früher wurden Patienten in frühen Stadien überhaupt nicht behandelt. Heute untersucht man, ob man bestimmte Risikopatienten in frühen Erkrankungsstadien intensiv behandeln sollte, um die Erkrankung von Anfang an möglichst komplett zurückzudrängen (Dr. Emili Monserrat, Barcelona).

BESSERE RISIKOABSCHÄTZUNG
Die Möglichkeiten, Patienten mit hohem Risiko genauer und früher zu identifizieren, haben sich in den letzten Jahren nicht zuletzt durch Ergebnisse aus Deutschland (Hartmut Döhner, Ulm; DCLLSG, München) erheblich verbessert. So gelten bestimmte genetische Veränderungen in den Leukämiezellen und die Erhöhung spezifischer Serumwerte (Thymidinkinase) als prognostisch ungünstig.

IMMUN-CHEMOTHERAPIE ERZIELT SEHR HOHE ANSPRECHRATEN
In der Therapie der CLL war jahrzehntelang Chlorambucil der Goldstandard. Es kontrollierte in der Regel die Erkrankung für ein paar Monate oder Jahre, konnte sie aber nicht beseitigen. Schon die Einführung des Fludarabin in den 90er Jahren führte häufiger zur kompletten und länger andauernden Rückbildung der Leukämie, konnte sie aber nicht heilen. Auf dem Workshop in Irsee wurde jetzt deutlich, dass die Kombination von Fludarabin mit anderen Medikamenten und monoklonalen Antikörpern (Immun-Chemotherapie) wesentlich wirksamer ist. Die Raten an kompletten Rückbildungen der Leukämie ließen sich durch eine Kombination aus Fludarabin, Cyclophosphamid und dem Antikörper Rituximab erstmals auf über 60% steigern (M. Keating, Houston). Auch die Kombination von Fludarabin mit dem anderen bei CLL wirksamen Antikörper Alemtuzumab hat hohe Wirksamkeit und erzielt auch bei behandlungsresistenten Patienten komplette Rückbildungen: selbst mit hochsensitiven molekularbiologischen Methoden lässt sich in einigen Patienten keine Krankheit mehr nachweisen (Peter Hillmen, Leeds, England). Ausgewählten, jungen Patienten kann möglicherweise zusätzlich durch eine allogene Knochenmarktransplantation geholfen werden: Das Verfahren hat zwar bei vielen Patienten gravierende Nebenwirkungen, bietet aber als einzige Methode eine gewisse Aussicht auf Heilung (Peter Dreger, Hamburg).

PRÜFUNG IN THERAPIEOPTIMIERUNGSPROTOKOLLEN DRINGEND NOTWENDIG
"Da mit dieser Immun-Chemotherapie eine bisher unerreicht hohe Rate an kompletten Rückbildungen der Leukämie zu erreichen ist, müssen wir jetzt untersuchen, ob diese Form der Behandlung die Leukämiezellen auf molekularer Ebene vollständig ausmerzt und damit die Überlebenszeit der Patienten verlängert werden kann." erklärt Hallek. Ziel dieser Bemühungen ist aber auch, die Lebensqualität der CLL-Patienten zu verbessern. Aus diesem Grunde appelliert Hallek an alle Ärzte und an die Kostenträger im Gesundheitswesen, die Behandlung von CLL-Patienten innerhalb dieser Protokollen vorzunehmen bzw. nachdrücklich zu unterstützen. Nur so kann rasch geklärt werden, welche Behandlung für welche Risikogruppe der CLL optimal ist. Langfristig wird dies erhebliche Kosten sparen.

DEFINITION DER CLL
Die chronische lymphatische Leukämie (CLL) ist eine Krankheit, bei der es zu einer fortschreitenden Zunahme von genetisch und funktionell defekten B-Lymphozyten in Blut, Knochenmark, Milz und Lymphknoten kommt. Dadurch wird das Immunsystem und das restliche blutbildende System beeinträchtigt. Es kommt zu Blutarmut und Mangel an Blutplättchen sowie zu gehäuften Infekten. Sie gilt bislang als unheilbar.

DEUTSCHE CLL-STUDIENGRUPPE
Die Deutsche CLL Studiengruppe (DCLLSG) unter Leitung von Professor Dr. Michael Hallek von der III. Medizinischen Klinik des Klinikum der Universität München, Großhadern ist ein Verbund von Ärzten aus 184 Kliniken und Praxen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie hat das Ziel, die Therapie von CLL-Patienten systematisch zu verbessern. Seit ihrer Gründung in 1997 hat die DCLLSG bisher über 1600 Patienten inverschiedenen Therapieoptimierungsprotokollen behandelt. Dadurch sollen wesentliche Fragen zur Behandlung der CLL beantwortet werden.

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Professor Dr. Michael Hallek Telefon 089-7095-6038


S. Nicole Bongard, Klinikum der Universität München
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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