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Charité-Universitätsmedizin Berlin, 01.12.03

Charité: Substanz im Nervenwasser schädigt Nervenzellen von Patienten mit Multipler Sklerose

Zusammenhang zwischen Markscheidenzerstörung und Nervenzelluntergang gefunden

Lange hielt man die chronisch entzündliche Zerstörung sogenannter Markscheiden, der Hüllen der Nervenfortsätze im Zentralnervensystem, für das Wesentliche der Multiplen Sklerose. Seit einigen Jahren (1998) weiß man aber (was übrigens schon 1915 einmal publiziert worden war, aber zwischenzeitlich vergessen wurde), daß außer den Markscheiden auch die Nervenzellen selbst zerstört werden und diese Schädigung weitaus bedeutsamer ist als die Vernarbungen an den Markscheiden. Unklar bleibt aber, ob es einen Zusamenhang zwischen den Läsionen der Markscheiden und dem Untergang der Hirnnervenzellen gibt. Jetzt haben Forscher aus der Charité und der Universität Magdeburg (X) ein fehlendes Bindeglied in der Kette der Schädigung gefunden:

· Schon bisher wußte man, daß der Ablauf der Krankheitsentwicklung in mehreren Schritten vor sich geht. Angestoßen wird der Prozeß durch ein bisher noch unbekanntes Agens (eventuell durch Viren oder Bakterien). In der Folge davon wandern Immunzellen (sog. T-Zellen) in das Gehirn und ins Rückenmark ein. Dort greifen sie die Markscheiden, insbesondere ein darin enthaltenes Eiweiß, das Myelin, an und sorgen so für die punktuellen Zerstörungen der Markscheiden mit nachfolgenden, vielfältigen Narben (multiplen Sklerosen). Dadurch wird die Übertragung von Nervenerregungen auf Muskeln wesentlich gestört. Bei Patienten prägt sich das als Lähmung aus.
· Bei der Zerstörung der Markscheiden, insbesondere des Myelins, durch die T-Zellen, entstehen Abbauprodukte. Dazu gehört das 7-KetoCholesterol. Diese Substanz konnten die Charité-Forscher in hohen Konzentrationen im Nervenwasser (Liquor) der Patienten mit Multipler Sklerose nachweisen, jedoch nicht bei Gehirnerkrankungen nicht-entzündlicher Art. Die Wissenschaftler fanden weiter heraus, daß das Krankheitsbild im Tiermodell der Multiplen Sklerose um so ausgeprägter ist, je mehr 7-KetoCholesterol nachgewiesen werden kann. Auch finden sich im Gehirn von Patienten mit Multipler Sklerose große Mengen dieses Abbauproduktes.
· Den Forschern gelang es außerdem, zu klären, wie die Substanz indirekt am Untergang der Gehirnnervenzellen beteiligt ist: Im Rahmen der Entmarkungsvorgänge werden besondere Freßzellen im Gehirn, die Mikrogliazellen, aus ihrem Ruhezustand gewissermaßen erweckt. Dies geschieht in einer Art Kettenreaktion, deren Anstoß das 7-KetoCholesterol gibt. Es dringt nämlich in den Kern der ruhenden Mikrogliazellen vor und aktiviert dort ein besonderes Molekül (PARP-1). Durch diesen Mechanismus werden die Freßzellen (Mikroglia) befähigt, sich im Gehirn zu verbreiten, und Nervenzellen zu zerstören.
Für die praktische Medizin sehen die Forscher zwei Folgerungen aus ihren Erkenntnissen:
· Die Konzentration des 7-KetoCholesterols im Nervenwasser ließe sich als Marker für der Schwere der Multiplen Sklerose nutzen, und
· durch Hemmung oder Blockierung von PARP-1 - etwa durch neuartige Medikamente - könnte der Untergang der Nervenzellen vemindert oder gar verhindert werden.
(x) Die Ergebnisse der jüngsten Forschungen aus der interdisziplinären Zusammenarbeit von Professor Dr. Dr. Oliver Ullrich vom "Institut für Immunologie" am Klinikum der Universität Magdeburg mit Frau Professor Dr. Frauke Zipp vom "Institut für Neuroimmunologie" der Charité und Professor Dr. Robert Nitsch vom "Institut für Zell- und Neurobiologie" der Charité wurden soeben (am 1. 12. 003) im renommierten "Journal of Experimental Medicine" (Diestel,Aktas et al., 198 [2003] 1729-1740) veröffentlicht. (1.12.2003) Dr.S.Sch.


Dr. med. Silvia Schattenfroh, Charité-Universitätsmedizin Berlin
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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