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Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 29.11.02

Atherosklerose kann besiegt werden - "Mainzer Hypothese" zur Entstehung der Gefäßverkalkung

Die Atherosklerose oder Gefäßverkalkung mit ihren Folgen gilt als die häufigste Wohlstandserkrankung in den westlichen Industrieländern. Eine neue Hypothese des Mediziners und Professors an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Univ.-Prof. Dr. med. Sucharit Bhakdi, zur Entstehung der Atherosklerose stellt den Sieg über diese wichtigste Zivilisationskrankheit in Aussicht - konsequentes Handeln vorausgesetzt.

Folgeerkrankungen der Atherosklerose oder Gefäßverkalkung sind unter anderem Herzinfarkt, Schlaganfall und Durchblutungsstörungen in den Beinen. Diese gefäßbedingten Erkrankungen stehen auf der Liste der Todesursachen ganz oben. Eine neue Hypothese zur Entstehung der Atherosklerose stellt den Sieg über diese wichtigste Zivilisationskrankheit in Aussicht - konsequentes Handeln vorausgesetzt.

Der Mediziner und Professor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Univ.-Prof. Dr. med. Sucharit Bhakdi, hat in seinen Arbeiten zur Entstehung der Atherosklerose festgestellt, dass die Erkrankung letztlich auf nur eine Ursache zurückzuführen ist, die glücklicherweise getilgt werden kann. "Wir postulieren, dass gewebsständiges, gestrandetes LDL als Quasi-Erreger fungiert und dass enzymatisch verändertes LDL die einzig wahre Ursache des pathologischen Pro-zesses darstellt", erklärt Prof. Bhakdi, der für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Immunbiologie am Freitag mit dem Aronson-Preis 2001 ausgezeichnet wird. Das "low density lipoprotein" LDL gilt als das sogenannte "schlechte" Cholesterin und wurde bisher schon für die Lipidablagerungen in den Gefäßwänden verantwortlich gemacht und als Initiator der chronisch verlaufenden Entzündung an den Pranger gestellt. Warum gewebsständiges LDL allerdings entzündungsfördernd wirkt, stellte bislang ein zentrales Rätsel der Medizin dar. Das Lipoprotein ist nämlich ein körpereigenes Molekül, das dem Transport des lebensnotwendigen Cholesterins im Körper dient.


Mit "Immunpathogenese der Atherosklerose - Die Mainzer Hypothese" veröffentlichte Bhakdi in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift 127 (2002) ein Konzept, das einen Bruch mit der vorherrschenden Lehrmeinung - insbesondere der Oxidationstheorie - darstellt. Nach dieser Theorie, die vor etwa zehn Jahren die wissenschaftliche Welt eroberte, sind oxidative Veränderungen dafür verantwortlich, dass LDL in ein entzündungsauslösendes Molekül verwandelt wird. Groß angelegte klinische Studien zeigten nach Darstellung von Bhakdi jedoch nur enttäuschende Ergebnisse: Koronare Herzkrankheiten wie Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz, Angina pectoris und Herzinfarkt konnten durch die Verabreichung von Antioxidantien nicht nenneswert verringert werden.

In seiner alternativen Hypothese betrachtet Bhakdi die Atherosklerose als Folge einer Überlastung des Lipid-Abtransportsystems, wobei die Überaktivierung des natürlichen Immunsystems die zentrale Rolle spielt. "Jedes LDL-Molekül birgt das krankheitsauslösende Potential in sich und es ist unnötig, externe Faktoren wie Oxidation oder Infektion verantwortlich zu machen", erklärt der Mediziner. Das LDL-Molekül setzt sich aus mehreren tausend Molekülen Cholesterin zusammen, die zusammen mit Phospholipiden von einer Proteinhülle umgeben sind. Bei Bedarf wird LDL von den Gewebszellen aufgenommen, und innerhalb der Zellen kommt es zur Freisetzung des Cholesterins. Ein körpereigenes Entsorgungssystem ist dafür verantwortlich, einen etwaigen Überschuss an unlöslichem Choleste-rin wieder zu entfernen. Dieses Abräumen geht ohne nennenswerte Entzündungsreaktionen vor sich. Das Entsorgungssystem darf jedoch nicht überlastet werden. Denn dann kommt es einerseits zur Freisetzung inflammatorischer Zytokine wie IL-6, andererseits gehen Makrophagen, die sogenannten "Fresszellen", zugrunde. Die Lipide werden freigesetzt, und es kommt erneut zur Aktivierung von Abwehrmechanismen. Ein Teufelskreis beginnt und der Prozess geht in eine chronische Entzündung über. Schließlich findet eine Vernarbung der betroffenen Stelle statt, die mit einer Ablagerung von Kalzium-Lipid-Proteinkomplexen einhergeht: die Gefäßverkalkung beginnt.

"Wir kehren mit unserer Hypothese zu der alten Vorstellung zurück, die den überhöhten LDL-Plasmaspiegel als Hauptursache für die Atherosklerose ansieht", führt Bhakdi aus. Die Konzentration des LDL-Cholesterins beträgt bei der Geburt eines Menschen 25 bis 30 mg/dl. Im Laufe des Lebens erhöht sie sich bei Naturvölkern nur geringfügig, doch in den westlichen Ländern steigt sie bereits in der Jugend an, um dann üblicherweise Werte von 150 bis 180 mg/dl zu erreichen. Für den Anstieg sind zwei Hauptursachen verantwortlich: Bewegungsarmut einerseits und cholesterinreiche Nahrung und Überernährung andererseits. Faktoren, die den Prozess der LDL-Strandung fördern, sind die bekannten Risikofaktoren: Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen.

Vor diesem Hintergrund fordert Bhakdi eine rigorose Senkung des LDL-Spiegels auf Werte von maximal 100 mg/dl Cholesterin als wichtigste Therapie- und Präventionsmöglichkeit. Eine solche Senkung sei durch die Umstellung der Ernährung in Verbindung mit vermehrter körperlicher Aktivität fast immer erreichbar. Falls "life-style"-Maßnahmen nicht ausreichen, sollte die Einnahme von lipidsenkenden Medikamenten erwogen werden. Hervorragende klinische Studien hätten gezeigt, dass die Einnahme von Statinen effektiv gegen die Entwicklung von koronaren Herzkrankheiten schützt.

Kontakt und Informationen:
Univ.-Prof. Dr. med. Sucharit Bhakdi
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene
Tel. 06131/39-37341
Fax 06131/39-32359
E-Mail: sbhakdi@mail.uni-mainz.de


Petra Giegerich, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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