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Forschungsinstitut für Bildungs- und..., 12.09.06

Wer nur auf demografische Rendite setzt, wird verlieren

FiBS zu den Kommentaren zur OECD-Studie "Bildung auf einen Blick"

Jedes Jahr im Spätsommer zeigt die OECD-Studie "Bildung auf einen Blick", dass Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb kein Ruhmesblatt erwirbt, und jedes Jahr sind die Reaktionen fast dieselben. Und das, obwohl verschiedene Studien - etwa auch des FiBS - zeigen, wie wichtig höhere Bildung für technologische Leistungsfähigkeit und wirtschaftliches Wachstum ist, und obwohl die Akademikerquoten deutlich langsamer ansteigen als in allen Industrieländern und auch deutlich geringer sind.


Neu ist in diesem Jahr, dass im gleichen Atemzug darüber diskutiert wird, wie Verbesserungen im Bildungssystem finanziert werden können. Die Idee: einfach die theoretischen Einsparungen nutzen, die sinkende Schülerzahlen zumindest vordergründig ermöglichen. Die einfache Rechnung mancher Institute - Ausgaben je Schüler multipliziert mit den kleineren Alterskohorten und schon hat man die Einsparungen - ist dabei sachlich nicht gerechtfertigt: Einsparungen werden sicherlich möglich sein, aber sie werden deutlich bescheidener ausfallen. Schließlich kann man keinen "halben Lehrer" vor eine Klasse stellen; dies unterstellen die Rechnungen aber implizit.

Noch wichtiger sind jedoch andere Überlegungen. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass im Zuge des demografischen Wandels die aus dem Arbeitsmarkt ausscheidenden Jahrgänge deutlich größer sein werden als die nachrückenden. In den neuen Ländern werden schon Mitte des kommenden Jahrzehnts die Hochschulabsolventen - egal ob Bachelor oder Master - nicht mehr ausreichen, um die ausscheidenden Akademiker und Akademikerinnen zu ersetzen; vielmehr werden bis zu einem Drittel fehlen. Es müsste demnach 50 Prozent mehr Hochschulabsolventen geben.

Wer diese Lücke schließen will, hätte schon vor Jahren anfangen müssen, die Bildungspotenziale von Kindern und Jugendlichen zu erschließen. Wer dann nämlich als Bachelorabsolvent den Arbeitsmarkt betreten soll, ist heute schon auf dem Gymnasium - und dort kommen nach wie vor fast nur diejenigen hin, die aus bildungsnahen Schichten stammen. Diejenigen mit sozial schwächerem Hintergrund, die in den vergangenen Jahren nicht oder nur unzureichend gefördert wurden, haben nur begrenzt eine Chance aufzusteigen und deren Potenzial steht heute kaum noch zur Verfügung. Es sei denn, man holt endlich nach, was man schon vor Jahren hätte tun müssen: die Qualität der Bildung deutlich verbessern. Hierzu hätte man vor allem auf pädagogische Reformen setzen, wie auch Geld in die Hand nehmen müssen.

Übertragen auf Diskussionen über die Nutzung demografischer Ersparnisse wird dadurch mehr als deutlich, dass man spätestens jetzt wichtige Schritte gehen und zukunftsorientiert investieren muss. Nur so kann es zu einer demografischen und pädagogischen Rendite kommen, die deutlich höher sein wird als jede scheinbare demografische Einsparung.

Ein Beispiel: Das FiBS hat in einer Studie für das Berliner Bildungssystem gezeigt, dass im Schnitt nur 10 Prozent der heute "verlorenen" Schüler erreicht werden müssen, damit sich die Investition lohnt.

Wer erst wartet, bis die Altersgruppen kleiner werden, um dann freiwerdende Ressourcen einzusetzen, wird keine demografische Rendite erzielen, sondern demografische Fehlinvestitionen zu verkraften haben. Es werden deswegen viele Betriebe, insbesondere kleinere Unternehmen, ihren Arbeitskräftebedarf nicht decken können. Sie werden dann schließen oder abwandern müssen.
Wer dies nicht glaubt, kann ja noch einige Jahre warten und sich dann die Entwicklung erst in den neuen Ländern anschauen.

Wer über die nächste Wahl hinausdenkt, dürfte hingegen feststellen, dass jetzt gehandelt werden muss - auch wenn es erst einmal Geld kostet. Schon in wenigen Jahren wird es sich auszahlen.

(Insgesamt: 54 Zeilen à ca. 85 Anschläge, 3.762 Zeichen)

Download:

FiBS-Forum Nr. 33
Dieter Dohmen, Kathrin Fuchs, Klemens Himpele: Ausgewählte fiskalische Effekte einer Reform des Berliner Schulsystems - eine Pilotstudie, Köln 2006.

FiBS-Forum Nr. 31
Dieter Dohmen, Kathrin Fuchs, Klemens Himpele: Bildung, externe Effekte, technologische Leistungsfähigkeit und Wirtschaftswachstum, Köln 2006.

Kontakt:
Birgitt A. Cleuvers (FiBS), Tel. 02 21 / 550 95 16
Wir freuen uns über einen Hinweis auf Ihre Berichterstattung. Vielen Dank!

Weitere Informationen:


Birgitt A. Cleuvers, Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS)
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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