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Technische Universität Darmstadt, 05.05.06

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Technische Universität Darmstadt, 05.05.06

Studiengebühren - die TU Darmstadt hat gute Gründe dagegen


Q: Viele Bundesländer führen Studiengebühren ein, weltweit sind
Studiengebühren üblich, die Hochschulrektorenkonferenz hat sich für
Studiengebühren ausgesprochen. Warum sind Sie noch immer dagegen?

A: Diese scheinbar einheitliche Übermacht ist für mich kein
überzeugendes Argument, klein beizugeben. Studiengebühren sollen ja
nach den Vorstellungen der verschiedenen Befürworter ganz
unterschiedliche Effekte fördern: Vom Kundenbewusstsein der

Studierenden über den Dienstleistungsgedanken der Universität bis zur
besseren Finanzierung der Universitäten. Gerade diese "Allzweckwirkung"
hat viele Haken. Ich möchte nicht, dass die Studierenden sich wie Kunden
fühlen, sie sollen Mitglieder der Universität sein und ihr Studium
erfolgreich und zügig abschließen. Eine gemeinsame verbindliche
Verantwortung von Lernenden und Lehrenden kann man durch andere Maßnahmen
zuverlässiger erreichen. Im Übrigen gibt es in Europa viele Länder, die
ohne oder mit sehr, sehr moderaten Gebühren auskommen. Aber warten wir
erst mal ab, wie der hessische Minister für Wissenschaft und Kunst die
Einführung im Detail begründet. Vielleicht spielt ja einfach die Tatsache
eine Rolle, dass Hessen bei der Studienplatzfinanzierung im
Bundesländervergleich ganz weit hinten liegt.

Q: Das heißt aber, dass Sie Studiengebühren als Finanzierungsquelle der
Hochschulen akzeptieren?

A: Natürlich kann man Bildung auch mit Gebühren finanzieren, Beispiele
dafür gibt es auch in Deutschland. Will man diesen Paradigmenwechsel in
den öffentlichen Hochschulen, dann müsste man mit ganz anderen
Größenordnungen operieren, die Studiengebührenhöhe nach Fächern
differenzieren und vieles mehr. Das nun vorgeschlagene System für Hessen
lässt noch nicht einmal den Hochschulen die Freiheit, über Gebühren und
deren Höhe zu entscheiden. Studiengebühren sind für die Universitäten ein
Minus-Geschäft, weil sie Studieninteressenten abschrecken. Ich erwarte
einen deutlichen Rückgang der Studierendenzahlen, was sich eigentlich
niemand wünschen kann. Damit schrumpft auch der Landes-Etat für die
Universitäten, weil sich die Finanzierung leider im Wesentlichen an der
Anzahl der Studierenden festmacht. Die Gebühren-Einnahmen werden nicht das
Defizit kompensieren, das sich aufgrund der zurückgehenden
Studierendenzahlen auftut. Aber es wird vermutlich einen verrückten
"positiven" statistischen Effekt geben: Weniger Studierende, weniger Geld
vom Land plus Studiengebühren werden vielleicht unter dem Strich eine
höhere Geldsumme pro Student ergeben.

Q: Das Land Hessen sieht ein Darlehenskonzept vor, das Ihre
Befürchtungen einer abschreckenden Wirkung von Gebühren mildern soll.

A: Ich hoffe, die politisch Verantwortlichen behalten Recht und ich
Unrecht. Im übrigen gelten die Darlehensüberlegungen meiner
Information nach nicht für außereuropäische Ausländer. Gerade für
diese Gruppe machte bislang die Studiengebührenfreiheit die deutsche
Hochschulausbildung so attraktiv. Wenn sich das ändern würde, träfe das
die TU Darmstadt mit ihrem überdurchschnittlich hohen Anteil an
ausländischen Studierenden (mehr als 20 Prozent) besonders hart. Wir
verlören an Internationalität und an Renommee. Die Zahl der
außereuropäischen Studierenden ist bei uns sehr hoch. Gerade sie wählen
mit gutem Grund Ingenieurwissenschaften an der TU. Die Geschichte der TU
ist diesbezüglich voller Erfolgsbeispiele. Hier droht eine Jahrzehnte alte
Tradition der TU abzureißen.

Q: Kann die TU Darmstadt von der Einführung von Studiengebühren in
Hessen abweichen?

A: Nach jetzigem Stand leider nicht. Und das berührt die TU ganz
elementar: Denn die Landesregierung würde dadurch den besonderen
Autonomie-Status der TU Darmstadt verletzen. Wir müssten
Studiengebühren erheben und uns landeskonform verhalten: 500 Euro pro
Semester und Studiengang, egal welcher. Dieser Zwang erschüttert unsere
erarbeitete Position und ist ein Wettbewerbsnachteil. Als Präsident der
ersten selbstständigen öffentlichen Universität in Deutschland hoffe ich
aber, dass es doch noch gelingt, auch die Freiheit zu erhalten, über
Studiengebühren selbst zu entscheiden.

Q: Haben Sie ein Gegenmodell?

A: Ein besseres Modell wofür? Für die angemessene Finanzierung ist das
Land verantwortlich. Es sollte die Unis endlich entsprechend
ausstatten. Wir stehen in einem globalen Wettbewerb, bei dem es nicht um 5
Prozent mehr Geld geht - so viel ist maximal durch Studiengebühren zu
erwarten - sondern um 50 bis 300 Prozent. Wir setzen auf eine Alternative,
um Studienerfolg in angemessener Zeit, hohe Ausbildungsqualität und hohe
Absolventenquoten zu erzielen. Der Senat der TU Darmstadt hat kürzlich in
Grundsätzen festgelegt, was die Universität künftig den Studienanfängern
bietet und was sie von ihnen im ersten Jahr verlangt. Verbindlichkeit also
auf beiden Seiten. Bei uns gibt es kein striktes Aussieben durch scharfe
Vorauswahlgespräche oder "Rausprüfen", sondern einen Mix aus intensiver
Beratung und Information schon in der Bewerbungsphase, Betreuung und
Mentoring in den ersten Semestern, gekoppelt mit Eignungsgesprächen zur
individuellen Studienbereitschaft und Studienfähigkeit, Empfehlungen und
studienbegleitenden Prüfungen im ersten Jahr. Wir wollen eine neue
Verantwortungskultur bei allen Beteiligten erreichen. Die ETH Zürich macht
das ähnlich und hat gute Erfahrungen. Und die TU Darmstadt muss sich mit
Absolventenquoten von teils über 80 Prozent im Wettbewerb wahrlich nicht
verstecken.

Q: Kann die TU Darmstadt einen Fonds auflegen, um die Gebühren anstelle der
Studierenden zu zahlen? Stünden dafür Spender oder Stifter bereit?

A: Unabhängig von der Frage der Studiengebühren sehen wir die
Notwendigkeit, Studierenden, die sich das Studium finanziell nicht
leisten können, durch geeignete Maßnahmen zu unterstützen. Wir führen
konkrete Gespräche über die Einführung eines Fonds und spezieller Kredite
zur Studienfinanzierung.

Q: Können Sie den Studierenden versprechen, wofür die TU Einnahmen aus
Studiengebühren verwendet? Etwa für konkrete Projekte zur
Verbesserung der Lehre?

A:Falls Gebühren kommen, müssen sie ganz klar unmittelbar der Situation der
Studierenden zugute kommen.

Q: Wie geht die interne Diskussion in der TU Darmstadt weiter?

A: Ich habe unmittelbar nach Veröffentlichung des Gebühren-Gutachtens
von Herrn Professor Pestalozza und des FDP-Gesetzentwurfs die
Universitätsversammlung gebeten, eine Diskussion zu organisieren. Wir
werden sehen, wie sich die TUD positioniert. Auch im Hochschulrat werde
ich anregen, sich angesichts der aktuellen Entwicklung erneut mit der
Frage zu beschäftigen.


Jörg Feuck, Technische Universität Darmstadt
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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