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Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 30.03.04

Zieren Artischocken fränkische Bauernhöfe und Brunnen?

Wer mit offenen Augen in Main- und Tauberfranken unterwegs ist, kann es nicht übersehen: Die Steinpfosten von Hoftoren, die Säulen an Dorfbrunnen oder die Balustraden und Treppenaufgänge von Klöstern und Schlössern sind oft mit Zapfen geschmückt - ganz wie in den Mittelmeerländern. Nach allgemeiner Ansicht der Kunstgeschichte handelt es sich bei diesen Gebilden um Pinienzapfen. Aber Franz-Christian Czygan von der Uni Würzburg ist da gemeinsam mit Isolde Czygan ganz anderer Ansicht: Sie stufen viele Zapfen als Artischocken-Köpfe ein.

Pinienzapfen aus Ton (links), gesehen in der Toscana. Der Unterschied zu den vermuteten "Artischocken-Zapfen" (rechts) aus Wiesentheid ist deutlich. Foto: Isolde Czygan

Diese mit zwei Zapfen geschmückte Eingangspforte ist im fränkischen Wiesentheid zu finden. Foto: Isolde Czygan

Czygan, emeritierter Professor für Pharmazeutische Biologie, hat an vielen Orten im Umfeld von Würzburg "Artischocken-Zapfen" entdeckt. Sie schmücken zum Beispiel Hoftore in Sommerhausen und Wiesentheid, Brunnen in Prichsenstadt und im Kitzinger Stadtteil Hohenfeld, die Balustraden des Klosters Bronnbach im Taubertal oder die Kanzel der Kirche St. Bartholomäus in Üttingen. Auch im Hofgarten der Würzburger Residenz sind sie zu finden.

In der "Zeitschrift für Phytotherapie" - die Artischocke war Arzneipflanze des Jahres 2003 - beschreiben die Czygans, wie sich das südländische Gemüse seinen Weg auf die Hoftore der fränkischen Baurn gebahnt haben könnte. Die Geschichte beginnt mit der mediterranen Schirmkiefer, der Pinie, und ihren Zapfen: Die standen in der griechischen und römischen Antike für Reichtum, Fruchtbarkeit und langes Leben. Die christliche Kunst übernahm diese Symbolik. In weiten Teilen Mittel- und Süddeutschlands setzte sich zudem die Sitte durch, in den Zapfen eine Art Schutz vor bösen Geistern und Unheil zu sehen. Darum brachten die Menschen Abbilder der Pinien-Fruchtstände gern an exponierten Stellen an, zum Beispiel an Eingangstoren.

"Vermutlich mit dem Beginn des Barock, ab dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts, gab es dann eine Veränderung", sagt der Würzburger Professor. Die damals von den Steinmetzen geschaffenen Zapfen bekamen nun nämlich völlig untypische Schuppen. "Aus dem Pinienzapfen wurde ein Artischockenkopf", so Czygan, der sich immer wieder mit der Rolle von Arzneipflanzen in der Kunst- und Kulturgeschichte befasst hat.

Wie es zu diesem Wandel kam? Laut Czygan zierte die Artischocke vermutlich schon im 16. Jahrhundert als exotische Delikatesse die Teller der besseren Gesellschaft. Weil die Stadt- und Landbevölkerung dem Tun der vornehmen Kreise nacheiferte, dürfte die Artischocke zu einem begehrten Objekt geworden sein. Hinzu kam, dass im Barock ohnehin alles Ausgefallene besonders geliebt wurde - und die aus dem arabischen Raum stammende Artischocke war fremdländisch genug, um als besonders kostbar zu gelten. "Also gab es damals Gründe genug, um die neue Gemüseart an auffälligen Stellen zu präsentieren", so Czygan.

Isolde Czygan, Franz-Christian Czygan: "Pinienzapfen oder Artischocke, das ist hier die Frage. Essay über ein fränkisches Rätsel", Zeitschrift für Phytotherapie 2003; 24: Seiten 283-290.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Franz-Christian Czygan, T (0931) 888-6167, Fax (0931) 888-6182, E-Mail:
czygan@biozentrum.uni-wuerzburg.de


Robert Emmerich, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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