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Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung..., 07.06.00

Zahl der Selbstmorde in Deutschland sinkt

Zahl der Selbstmorde in Deutschland sinkt

Eine Ursache: Weniger Depressionen und weniger Einsamkeit

Berlin (wbs) Immer weniger Menschen in Deutschland leiden unter mentalen Belastungen. Klagen über Depressionen, Nervosität und Einsamkeit werden seltener. Die Selbstmordrate ist so niedrig wie noch nie. Aus einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) geht aber auch hervor, daß die Unterschiede im Wohlbefinden zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen größer werden.


Der empirischen Untersuchung von Thomas Bulmahn (WZB) zufolge hat sich die mentale Belastung im Verlauf der letzten 20 Jahre deutlich verringert. Immer weniger Bundesbürger leiden unter Depressionen, Erschöpfungszuständen und Nervosität. Zehn Prozent der Deutschen fühlen sich gegenwärtig unglücklich oder niedergeschlagen, 17 Prozent klagen über wiederkehrende Ängste und Sorgen, neun Prozent sind ständig aufgeregt oder nervös, und 34 Prozent fühlen sich öfter erschöpft oder erschlagen. Der Anteil derjenigen, die frei von allen diesen Symptomen sind, liegt im alten Bundesgebiet bei 60 Prozent. Zum Vergleich: 1978 waren es lediglich 41 Prozent. Auch in den neuen Ländern hat sich die Situation verbessert. 1990 waren nur 37 Prozent der Ostdeutschen frei von mentalen Belastungen, heute sind es 52 Prozent.

Wenn immer weniger Menschen unter Depressionen, Ängsten und Einsamkeit leiden, dann wird sich auch die Zahl der Selbstmorde verringern. Diese naheliegende Vermutung läßt sich mit den Daten der amtlichen Statistik belegen. Im alten Bundesgebiet ist die Zahl der Selbstmorde je 100.000 Einwohner (Suizidrate) von 22,2 (1978) auf 17,6 (1988) und nach den aktuellsten Angaben auf 13,6 (1998) zurückgegangen. In den neuen Bundesländern ist die Suizidrate von 24,4 (1990) auf 16,6 (1998) gesunken. Die Selbstmordhäufigkeit in Deutschland ist damit auf dem niedrigsten Stand seit den Anfängen ihrer statistischen Erfassung vor mehr als einem Jahrhundert.

Doch nicht alle profitieren gleichermaßen von dieser positiven Entwicklung. In Teilen der Bevölkerung kommt es immer wieder zu einer Zunahme von mentalen Belastungen, von Unzufriedenheit und Unglücksgefühlen. Verantwortlich hierfür ist die Tatsache, daß Erfolge und Belastungen von Modernisierungsprozessen ungleich verteilt sind. Individualisierung hat für die einzelnen Generationen ganz unterschiedliche Konsequenzen. Während die Jüngeren vor allem neue Freiheiten genießen, leiden viele Ältere unter der Auflösung familialer Bindungen. Ebenso ungleich sind die Folgen des technologischen Wandels. Während hochqualifizierte Erwerbstätige überwiegend an den positiven Auswirkungen dieser Entwicklung teilhaben, werden schlecht Qualifizierte hiervon ausgeschlossen - indem sie immer öfter arbeitslos werden, oder indem sie in einen expandierenden Niedriglohnsektor abgedrängt werden.

Weitergehende Analysen der WZB-Studie zeigen, welche Auswirkungen diese strukturellen Disbalancen haben. Erstes Beispiel: Bei älteren Menschen hat die Selbstmordhäufigkeit gegen den allgemeinen Trend zugenommen. Vor allem bei den Hochbetagten, die das 75. Lebensjahr überschritten haben, ist es zu einem dramatischen Anstieg der Suizidrate gekommen. Zweites Beispiel: Die Lebenszufriedenheit der Menschen im alten Bundesgebiet hat sich in den letzten 20 Jahren nur unwesentlich verändert. Ein Vergleich der Entwicklungen in einzelnen Einkommensgruppen deckt jedoch erhebliche Unterschiede auf: Während die Lebenszufriedenheit der Besserverdienenden auf überdurchschnittlich hohem Niveau stabil geblieben ist, kam es bei den Geringverdienern immer wieder zu großen Schwankungen des subjektiven Wohlbefindens.

Weitere Informationen: Thomas Bulmahn (Telefon: 030-25 49 13 89)


"Erfolge und Krisen - Subjektives Wohlbefinden und Anomie in Deutschland", in: WZB-Mitteilungen, Heft 88, Juni 2000, S. 9-12

Thomas Bulmahn, Modernity and Happiness - The Case of Germany, 26 S.
(WZB-Bestellnummer FS III 00-402; Volltext im pdf-Format verfügbar)

Weitere Informationen:


Burckhard Wiebe, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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