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Ruhr-Universität Bochum, 30.08.05

Wiederentdeckt und kritisch bewertet: Bochumer Lehrer zur "Sprachverderbnis im Handelsdeutsch"

Vor genau 100 Jahren zeichnete der Allgemeine Deutsche Sprachverein auf seiner Jahrestagung in Duisburg die Arbeit des Bochumer Oberrealschullehrers August Engels zum Thema "Sprachverderbnis im Handelsdeutsch und ihre Bekämpfung" mit dem ersten Preis aus. Unter dem Titel "Kaufmannsdeutsch" wurde die Arbeit gedruckt und erlebte sechs Auflagen. Engels wettert gegen nutzlose Fremdwörter, "Modetorheiten" bei Warenbezeichnungen und allgemeinen Schwulst. Aus heutiger Sicht amüsant, aber vergessen, urteilt Prof. Dr. Hans-R. Fluck (Germanistisches Institut der Ruhr-Universität), der die alte Arbeit wiederentdeckt und für die Zeitschrift "Fachsprache" kritisch in die Sprachgeschichte eingeordnet hat. "Die Lektüre der Engels-Schrift heute macht - einmal mehr - deutlich, dass übertrieben national geprägter Sprachpurismus keine gültige Antwort für eine fachbezogene Sprachpflege sein kann", so Prof. Fluck.

Titel des Buches "Kaufmannsdeutsch" von August Engels.

Bochum, 30.08.2005
Nr. 261

Vom langen Kampf gegen die Fremdwörter
Wiederentdeckt: 100 Jahre alte Arbeit und ihr Wert aus heutiger Sicht
Bochumer Lehrer zur "Sprachverderbnis im Handelsdeutsch"

Vor genau 100 Jahren zeichnete der Allgemeine Deutsche Sprachverein auf seiner Jahrestagung in Duisburg die Arbeit des Bochumer Oberrealschullehrers August Engels zum Thema "Sprachverderbnis im Handelsdeutsch und ihre Bekämpfung" mit dem ersten Preis aus. Unter dem Titel "Kaufmannsdeutsch" wurde die Arbeit gedruckt und erlebte sechs Auflagen. Engels wettert gegen nutzlose Fremdwörter, "Modetorheiten" bei Warenbezeichnungen und allgemeinen Schwulst. Aus heutiger Sicht amüsant, aber vergessen, urteilt Prof. Dr. Hans-R. Fluck (Germanistisches Institut der Ruhr-Universität), der die alte Arbeit wiederentdeckt und für die Zeitschrift "Fachsprache" kritisch in die Sprachgeschichte eingeordnet hat. "Die Lektüre der Engels-Schrift heute macht - einmal mehr - deutlich, dass übertrieben national geprägter Sprachpurismus keine gültige Antwort für eine fachbezogene Sprachpflege sein kann", so Prof. Fluck.


Reinheit, Richtigkeit und Schönheit der deutschen Sprache

Auf "Reinheit, Richtigkeit und Schönheit" kam es dem Allgemeinen Deutschen Sprachverein an, der 1885 gegründet wurde. Eine eigene Zeitschrift und volkstümlich geschriebene Arbeiten zur deutschen Sprache gab der Verein heraus, und stellte der Öffentlichkeit Preisfragen. Die Frage von 1903 lautete "Wie ist die Sprachverderbnis im deutschen Handelsstande zu bekämpfen?", und reizte den in Düren geborenen Bochumer Lehrer Engels zu Teilnahme am Wettbewerb. Die drei Preise waren mit 600, 400 und 200 Mark dotiert, die ein Wuppertaler Gold- und Silberfabrikant zur Verfügung stellte. Engels war als Real- und Handelslehrer der Kaufmännischen Schule Bochum und später der Oberrealschule - heute Goethe-Schule - von Berufs wegen am Thema interessiert und zuvor bereits mit einigen sprachkritischen Beiträgen in Erscheinung getreten.

"Unnütze" Fremdwörter vermeiden

Engels verurteilte vor allem "unnütze" Fremdwörter und schlug statt dessen die Verwendung vorhandener deutscher Ersatzwörter vor. Unter "Modetorheiten der Warenbezeichnung" fiel für ihn z.B. "Quaker Oats", das kein Deutscher richtig auszusprechen wisse, und eigentlich bloß "gewalzten oder gequetschten Hafer", also Grütze, bezeichnet. Bildreich urteilte er: "Fahrt hin, Hafer und Grütze! Deutscher Handelsstand, wann hörst du auf, deinen 'wilden Hafer' zu säen? Wann hast du endlich ausgetobt mit deinen sprachlichen Jugendtorheiten und zeigst dich als reifen Mann, der auf das Seine Wert legt und es nicht dem Fremden zuliebe sogleich preisgibt?"

Polarisierende Schrift

Seine 76-seitige Schrift polarisierte: Viele Handelshäuser ließen ihre Texte stilistisch überprüfen, Handelskammern und andere kaufmännische Organisationen kauften die Schrift für ihre Auszubildenden an oder empfahlen ausdrücklich die Lektüre. Kritiker allerdings kreideten Engels einen "widerlichen Bierbank-Chauvinismus" an. Walther Borgius schreibt in den Berliner "Volkswirtschaftlichen Blättern" im November 1906, der Kampf gegen das Fremdwort gründe im "Haß gegen alles, was international ist und internationale Verständigung der Völker fördert." Borgius rügt Engels, er habe die allgemeine Sprachentwicklung nicht beachtet und ignoriere die Unmöglichkeit, Fremd- und Lehnwort trennscharf zu unterscheiden.

Rigide Bestrebungen haben sich überlebt

Die Fremdwortfrage ist heute unter Fachleuten kein Diskussionsgegenstand mehr. "Aus heutiger Sicht hat der das Fremdwort bekämpfende Puritanismus im Bereich Kaufmanns- und Wirtschaftssprache relativ wenig bei der Herausbildung eines Sprachbewusstseins bewirkt", so Fluck. Zwar müssten immer wieder nationale oder internationale Terminologien festgelegt werden; außer einigen selbsternannten Sprachpflegern nehme davon aber niemand mehr Notiz. Rigide sprachliche Bestrebungen, bezogen auf die Fachsprachen mit ihrem ungeheuren Fachwortschätzen, die sich aus den verschiedensten Sprachen speisen, hätten sich in Zeiten der Globalisierung überlebt, so der Sprachforscher.

Titelaufnahme

Hans-R. Fluck: 100 Jahre Bochumer 'Sprachkritik' - die Preisarbeit zum Thema "Sprachverderbnis im Handelsdeutsch und ihre Bekämpfung" (1905) von August Engels. In: Fachsprache. Internationale Zeitschrift für Fachsprachforschung, -didaktik und Terminologie. 27. Jahrgang, Heft 1-2/2005, S. 2-17.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Hans-R. Fluck, Germanistisches Institut, Fakultät für Philologie der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-25099, E-Mail: hans.r.fluck@rub.de


Dr. Josef König, Ruhr-Universität Bochum
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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