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VolkswagenStiftung, 07.03.01

Weibliche Vor-Bilder

Emanzipationsbewegungen von Frauen haben in Deutschland eine lange und vielfältige Geschichte. Eine Geschichte, die bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Damals und bis heute entwickelten sich aus zahlreichen Vereinen und Verbänden unterschiedlicher politischer oder religiöser Ausrichtung immer stärkere gemeinsame Strömungen. Manches, was davon dokumentiert wurde, befindet sich zwar in verschiedenen Archiven und Bibliotheken - jedoch längst nicht alles ist in einem erschlossenen und (wissenschaftlich) brauchbaren Zustand. Das gilt insbesondere für Bilder. Mit denen verhält es sich manchmal wie mit den eigenen Fotos, die durcheinander in einer großen Kiste aufbewahrt werden: Man weiß ungefähr, was da ist, doch mit einem zielsicheren Griff ist die Suche nur selten erledigt.


Seit Oktober 1999 fördert die VolkswagenStiftung mit inzwischen rund 215.000 Mark die Erfassung von Bildmaterial zur Frauenbewegung und zur Geschichte verschiedener Frauenverbände im Archiv der Deutschen Frauenbewegung in Kassel. Hier werden Lithographien, Fotos, Drucke, Bilder aus historischen Zeitschriften und zeitgenössischen Monographien zu allen Strömungen der Frauenbewegung von 1848 bis 1968 inventarisiert. Am - inzwischen absehbaren - Ende werden es rund zweieinhalbtausend Bilder sein, die durch die Hände der beteiligten Wissenschaftlerinnen gegangen sind. Bilder, die eine neue Perspektive auf die Frauenkultur der beiden zurückliegenden Jahrhunderte eröffnen und manch unbekannte Geschichte erzählen werden. Eine Nutzung durch Wissenschaft und Öffentlichkeit wird dadurch künftig leichter möglich sein.

Die kulturgeschichtlichen Bedeutungs- und Informationsträger zeichnen ein Bild vom politischen und gesellschaftlichen Alltagsleben verschiedener Epochen und geben Auskunft über historische Entwicklungen und Zusammenhänge. Das Material stammt aus unterschiedlichen Quellen wie den Archiven des Deutschen Evangelischen Frauenbundes, des Katholischen Deutschen Frauenbundes oder des Lette-Vereins. Aktuell erfasst werden die Bestände dreier Berliner Einrichtungen: der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik - im Jahr 1908 die erste überkonfessionelle Frauenschule -, des Pestalozzi-Fröbel-Hauses als erster, im Jahr 1874 gegründeter sozialpädagogischer Ausbildungsstätte, sowie des Helene-Lange-Archivs, das auf den 1894 gegründeten Dachverbund Deutscher Frauenvereine zurückgeht. Das Erfassen dieser sechs großen Bestände bedeutet damit letztlich noch mehr: ein "virtuelles" Zusammenführen verstreut liegender Zeugnisse der Geschichte der Frauen an einem Ort - ein Ort, der Frauen auch fündig werden lässt auf der Suche nach weiblichen Vor-Bildern.

Jedes einzelne Bild ist in digitalisierter Form erfasst und wird verknüpft mit relevanten Themen der Emanzipationsgeschichte. Darüber hinaus wird, da auch elektronische Speichermedien nur eine begrenzte Zeit haltbar sind, von allen Bildern ein Sicherheitsfilm erstellt. Letztlich wird somit jenes Medium Dokument, das quasi parallel zur Frauenbewegung entstand: die Fotografie. Von Anfang an zeigte sie, was Worte oft nicht fassen können. Und so wird sich das Wirken engagierter Frauen noch eindringlicher illustrieren lassen, hofft Cornelia Wenzel, eine der Wissenschaftlerinnen des Projekts: Schließlich könnten Bilder auch Leerstellen in der Geschichte füllen. Als Beispiel hierfür dienen ihr Fotos, die belegen, dass die Frauenbewegung selbst zu Zeiten des emanzipatorischen Rollbacks nach dem Zweiten Weltkrieg kontinuierlich weiter aktiv war.

* Noch ein vergleichbares Projekt zur Frauenforschung ist jetzt zum Abschluss gekommen, die "Erfassung und Erschließung der Archivbestände zur Geschichte des Frauenstudiums und akademischer Karriereverläufe von Frauen an der Berliner Humboldt Universität (1890 bis 1967/68)". Erschlossen wurden hier, von der VolkswagenStiftung über einen Zeitraum von vier Jahren mit rund 680.000 Mark unterstützt, die biografischen Daten von mehreren Tausend Wissenschaftlerinnen.

* Unter Federführung von Ursula Paravicini, Professorin am Institut für Architektur- und Planungstheorie der Universität Hannover, suchen Planerinnen, Architektinnen und Sozialwissenschaftlerinnen exemplarisch in jeweils einem strukturell benachteiligten Quartier von Barcelona, Paris und Hannover nach Lösungsansätzen für menschen- und explizit frauengerechte Stadtteilerneuerung. Auf ihrer Spurensuche nach Stadtteilqualitäten nutzen die Forscherinnen unterschiedliche Methoden wie Feldbeobachtung, Ortsbegehung, Materialsichtung, Interviews mit beteiligten Architekten oder Gespräche mit Anwohnern, die letztlich zeigen werden, wie lebenswert diese ihr Quartier empfinden und warum. Die besondere Chance dieses Projekts: Innovative städtebauliche Strategien können in drei Kulturen ausgelotet und verglichen werden. Durch diese Zusammenarbeit fließen der Frauen- und Geschlechterforschung neue Synergien zu, hofft Ursula Paravicini. Die VolkswagenStiftung fördert das Projekt mit gut 500.000 Mark.

Im Anschluss an diese Presseinformation finden Sie in einer Übersicht weitere rund 40 von der VolkswagenStiftung geförderte Projekte zur Frauen- und Geschlechterforschung

Kontakte:
VolkswagenStiftung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Christian Jung, Tel.: 0511 - 8381 - 380

Archiv der deutschen Frauenbewegung e. V., Kassel, Cornelia Wenzel, Tel.: 0561 - 9893 - 670

Zentrum für Interdisziplinäre Frauenforschung (ZiF) Berlin, Tel.: 030-30882-301

Universität Hannover, Institut für Architektur- und Planungstheorie, Professorin Dr. Ursula Paravicini, Tel.: 0511 - 762 - 3269

VolkswagenStiftung Hannover:
Beispiele für Frauenforschung/-förderung seit 1990

1. Humboldt-Universität zu Berlin, Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung
Dr. Gabriele Jähnert: Erfassung und Erschließung der Archivbestände zur Geschichte des Frauenstudiums und akademischer Karriereverläufe von Frauen an der Berliner Universität 1890 - 1967/68

2. Freie Universität Berlin, Arbeitsstelle für Vergleichende Gesellschaftsgeschichte
Prof. Dr. J. Kocka, Prof. Dr. Ute Frevert, Konstanz: Akademikerinnen unter deutschen Diktaturen. Weibliche Qualifikations- und Karrierewege im Nationalsozialismus und in der SBZ/DDR 1940 - 1980

3. Freie Universität Berlin, Arbeitsstelle für Vergleichende Gesellschaftsgeschichte
Prof. Dr. J. Kocka, Berlin, Prof. Dr. Ute Frevert, Konstanz, Prof. Dr. Karin Hausen, Berlin: Tagung "Frauenerwerbsarbeit nach 1945 in vergleichender Perspektive"

4. Freie Universität Berlin, FB Politische Wissenschaft, Institut für Innenpolitik und Komparatistik
Prof. Dr. Babara Riedmüller: Sozialpolitik als Geschlechterpolitik in Schweden und Deutschland 1920 - 1940

5. Technische Universität Berlin, Institut für Geschichtswissenschaft
Prof. Dr. Karin Hausen: Widerstand und Verfolgung von Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus

6. Technische Universität Berlin, Institut für Geschichtswissenschaft
Prof. Dr. Karin Hausen: Arbeit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Studie zur vergleichenden Geschlechtergeschichte in Deutschland (Nationalsozialismus, DDR, Bundesrepublik) seit Beginn des Zweiten Weltkrieges

7. Technische Universität Berlin, Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (i.G.)
Prof. Dr. Karin Hausen: Kolloquium "Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel (17. - 19. Jahrhundert)"

8. Technische Universität Berlin, Institut für Gesundheitswissenschaften
Prof. Dr. Ulrike Maschewsky-Schneider: Nachwuchsgruppe "Geschlecht, Ressourcen und Gesundheit in der Erwerbs- und Familienarbeit"

9. FFBIZ Frauenforschungs-, -bildungs- und -informationszentrum e.V., Berlin
Cordula Albrecht, Gisela Vollradt: Erstellung eines EDV-gestützten Bestandsverzeichnisses zum Thema: Neue Frauenbewegungen in Deutschland (1968 - 1995)

10. Zentrum für Europäische Rechtspolitik an der Universität Bremen
Prof. Dr. U. Preuß: Rechtliche Hindernisse auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Frauen

11. Universität Dortmund
Prof. Dr. A. Klein: Innovation und Qualität - Abbau von geschlechterdifferenten Strukturen als Reform von innen

12. Technische Universität Dresden
Prof. Dr. A. Mehlhorn, Stipendiatin: Dr. Karin Zachmann: Ingenieurinnen in der staatssozialistischen Gesellschaft. Die Geschichte der Mobilisierung, Ausbildung und Beschäftigung der weiblichen "technischen Intelligenz" in der SBZ und der DDR

13. Wissenschaftszentrum NRW, Kulturwissenschaftliches Institut, Essen
Prof. Dr. S. Weigel: Symposion "Jüdische Kultur und Weiblichkeit in der Moderne"

14. Fachhochschule für Sozialwesen Esslingen
Prof. Dr. Lore Thome, Prof. Dr. Birgit Meyer: Frauen in politischen Führungspositionen in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte 1949 - 1961

15. Universität Freiburg, Slawisches Seminar
Prof. Dr. Elisabeth Cheauré: Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften am Beispiel Russlands. Erarbeitung einer grundlegenden Einführung und Erstellung von Lehrmaterialien

16. Universität Gießen, FB Gesellschaftswissenschaften, Institut für Soziologie
Dr. Martina Ritter: Das Geschlechterverhältnis und die Entstehung von Öffentlichkeit und Privatheit im Russland der Transformation
mit Abschlussseminar "Zivilgesellschaft und Geschlechterpolitik in Russland"

17. Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie
Prof. Dr. H. Turk: 'Zeter und Mordio': Vergewaltigung in Literatur und Rechtsgeschichte vom 17. bis zum 19. Jahrhundert

18. Universität Hamburg, Historisches Seminar
Prof. Dr. Claudia Opitz: Politik, Gesellschaft und Geselligkeit der Geschlechter im Zeitalter der Aufklärung - Vergleichende Studien zu Frankreich und Deutschland

19. Universität Hamburg, FB Informatik
Dipl.-Inform. Heide Schelhowe: Arbeitstagung "Erfahrung und Abstraktion. Frauensichten auf die Informatik"

20. Universität Hannover, Historisches Seminar
Prof. Dr. Adelheid von Saldern: Zuhören und Gehörtwerden. Rundfunk und Geschlech-ter-ordnung im Dritten Reich und in der DDR der 50er Jahre

21. Universität Heidelberg, Seminar für Osteuropäische Geschichte
Prof. Dr. H.-D. Löwe: Frauen hinter Stacheldraht. Alltag und Überleben im Gulag
1936 - 1950. Mit vergleichenden Aspekten zum Leben im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

22. Hochschule für Jüdische Studien, Heidelberg
Prof. Dr. Carlebach: Symposion "Die jüdische Frau in Deutschland"

23. Universität Kaiserslautern, Mathematik, Arbeitsgruppe Technomathematik
Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Psychologie I
Prof. Dr. H. Neunzert, Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm: Frauen in der Mathematik - Determinanten von Karriereverläufen in der Mathematik unter geschlechtervergleichender Perspektive

24. Universität -GH- Kassel, FB Gesellschaftswissenschaften
Prof. Dr. Heide Wunder: Konfession, Religiosität und politisches Handeln von Frauen vom ausgehenden 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts

25. Archiv der deutschen Frauenbewegung e. V., Kassel
Elke Spitzer: Erstellung eines sachthematischen Inventars und elektronische Sicherung von Bildmaterial aus Frauenbewegung und Frauenverbänden in Deutschland 1848 - 1968

26. Universität Kiel, Historisches Seminar
PD Dr. O. Ulbrich, Dr. U. Danker: Interdisziplinäre Fachtagung "Weibliche Kriminalität im frühneuzeitlichen Deutschland"

27. Universität Leipzig
Prof. Dr. C. Weiss, Stipendiatin: Dr. Bärbel Raschke: Fürstinnen als Vermittlerinnen und Förderinnen europäischer Aufklärung an deutschen Höfen im Zeitalter des Absolutismus

28. Universität Mainz, Institut für Ethnologie und Afrika-Studien
Dr. Susanne Schröter: Symposion "Körper, Identität, Geschlecht. Ethnologische Ansätze zur empirischen und theoretischen Konstruktion des Sexus"

29. Universität München, Institut für Soziologie
Prof. Jutta Allmendinger, Ph.D., Hannah Brückner, M.A.: Wissenschaft und Beruf - Berufliche Werdegänge von Frauen und Männern in der außeruniversitären Spitzenforschung

30. Universität Oldenburg, Forschungsstelle Nationalsozialismus am Institut für Politik-wissenschaft II
Prof. Dr. W. Boldt: Wehrmacht und Prostitution während des 2. Weltkrieges im besetzten Frankreich

31. Universität Potsdam
Prof. Dr. W. Loschelder, Stipendiatin: Dr. Kornelia Freitag: Kulturkritische Strategien in postmoderner Frauenlyrik der USA / Women Language Writers and Cultural
Criticism in the U.S.

32. Universität des Saarlandes, Zentrum Europa und Dritte Welt, Entwicklungspolitische Forschung und Beratung
Dr. H. W. Schönmeier: Muslimische Frauen in einem nicht-muslimischen Land. Prozesse der Verarbeitung in Deutschland (Vorstudie)

33. Universität des Saarlandes, Historisches Institut
Prof. Dr. R. van Dülmen: Hebammen und die Gemeinschaft der Frauen auf dem Land. Ein Beitrag zur weiblichen Kultur im deutsch-französischen Grenzraum (16. - 19. Jahrhundert)

34. Universität Tübingen
Dr. A. Theis: Startförderung einer C4-Professur "Soziologie der Geschlechterverhältnisse"

35. Universität Hannover, Institut für Architektur- und Planungstheorie
Prof. Dr. Ursula Paravicini: Konzepte und Strategien in Raumplanung und -gestaltung, die aus feministischer Sicht zum Abbau von sozial-räumlicher Ausgrenzung beitragen

36. Universität Hohenheim, Institut für Agrar- und Sozialökonomie in den Tropen und Subtropen
Prof. Dr. F. Heidhues: Forschungs- und Ausbildungsprojekt "Rural transformation in northern Vietnam - Impact on agriculture, institutions and gender"

37. Universität Leipzig, Orientalisches Institut
Prof. Dr. E. Schulz: Ehe- und Familienrecht in der modernen islamischen Gesellschaft am Beispiel der Kompilasi Hukum Islam in Indonesien

38. Universität Mannheim, Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung
Prof. Dr. Beate Kohler-Koch: Nichtregierungsorganisationen am Beispiel eines transnationalen Frauennetzwerks


Dr. Christian Jung, VolkswagenStiftung
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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