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Ruhr-Universität Bochum, 06.08.02

Warum sich deutsche Ärzte und Muslime nicht verstehen

Bochum, 06.08.2002
Nr. 219

Mehr Verständnis für muslimische Patienten
Warum sich deutsche Ärzte und Muslime nicht verstehen
RUB-Studie: islamisches und deutsches Krankheitsverständnis

Treffen das Wertesystem des islamischen Glaubens und das Krankheitsverständnis deutscher Mediziner aufeinander, kommt es häufig zu medizinethischen Problemen. Diese diskutiert erstmals der Arzt und Philosoph Dr. med. Dr. phil. Ilhan Ilkilic in seiner Dissertation "Der muslimische Patient: Medizinethische Aspekte des muslimischen Krankheitsverständnisses in einer wertpluralen Gesellschaft". Die Arbeit ist jetzt im LIT-Verlag erschienen.


Ausbildung der Ärzte und Pfleger ist lückenhaft

Religion und Kultur prägen das Verstehen und Erleben von Krankheit. In deutschen Arztpraxen und Krankenhäusern begegnet man täglich Verstehens- und Interessenkonflikten zwischen Ärzten, Pflegepersonal und muslimischen Patienten, die auf unterschiedlichen religiös kulturelle Wertvorstellungen gründen. "Diese Probleme werden jedoch in der Ausbildung der Ärzte und des Pflegepersonals kaum berücksichtigt", stellt Dr. Ilkilic fest.

Schlüsselbegriff: Kommunikation

Unverzichtbar, um dem Arzt seine Leiden und Schmerzen, aber auch Wünsche und Vorstellungen zu vermitteln, ist für jeden Patienten die Sprache. Beherrscht er sie nicht, was bei der ersten Generation der türkischen Muslime in Deutschland oft der Fall ist, so wird oft eine dritte Person hinzugeholt. Da professionelle Dolmetscher in Krankenhäusern und Arztpraxen nur schwierig und mit hohem bürokratischem Aufwand zu beschaffen sind, springt oft ein Familienmitglied oder Nachbar ein. "Sowohl der Einsatz des professionellen Dolmetschers als auch eines Familienmitgliedes ist aber aus medizinethischer Perspektive nicht unproblematisch", betont Dr. Ilkilic: Allzu leicht können dadurch die Schweigepflicht des Arztes oder Intimsphäre des Patienten verletzt werden.

Schamgefühl, religiöse Pflichten und Speisevorschriften

Bei Untersuchung und Therapie muslimischer Patienten stellt Dr. Ilkilic drei grundsätzliche Konfliktfelder im medizinischen Alltag fest: Das islamische Verständnis von körperlicher Unversehrtheit und Schamgefühl kann zum Problem werden. Ein Beispiel dafür ist die gynäkologische Untersuchung einer muslimischen Patientin durch einen männlichen Arzt. Auch kann ein gläubiger Muslim die Einnahme von Medikamenten während des Fastenmonats Ramadan ablehnen, weil sie das Fastens verhindert. Konfliktpotenzial bergen außerdem Arzneien, die nach islamischen Vorschriften verbotene Mittel wie Schweineprodukte oder Alkohol enthalten. Wichtig dabei ist es zu beachten, dass es den Muslimen nicht gibt - jeder Mensch ist anders.

Fragenkatalog zur medizinischen Diagnose

In der Dissertation beschreibt Ilkilic nicht nur die Konflikte und deren Gründe, sondern er analysiert und bewertet sie auch anhand medizinethischer Prinzipien. Die ethischen Reflexionen der Arbeit und der problemorientiert entwickelte Fragenkatalog "als Hilfsmittel zur medizinethischen Diagnose" sollen deutsche Ärzte zum eigenen Nachdenken anregen, ohne Standardlösungen anzubieten.

Titelaufnahme

lkilic, Ilhan: Der muslimische Patient: Medizinethische Aspekte des muslimischen Krankheitsverständnisses in einer wertpluralen Gesellschaft. Münster, Hamburg, London (LIT-Verlag), 2002, ISBN 3-8258-5790-5, 25.90 Euro

Weitere Informationen

Dr. med./TR Dr. phil. Ilhan Ilkilic, M.A., Interfakultäres Zentrum für Ethik in den Wissenschaften Universität Tübingen, Keplerstr. 17, 72074 Tübingen, Tel. 07071/2977573, E-Mail: ilhan.ilkilic@uni-tuebingen.de


Dr. Josef König, Ruhr-Universität Bochum
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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