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Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 10.04.02

Bei Wahnsinn lieber zum Medizinmann

Trotz der Konkurrenz durch die westliche Medizin: Die traditionelle Heilkunde steht in Afrika immer noch hoch im Kurs. Das ist das Resultat einer Studie, die der Arbeitskreis Ethnomedizin am Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn momentan in Tansania durchführt. Gerade bei Beschwerden, die im Kopf lokalisiert werden - Krampfanfällen, Schwindel oder Wahnsinn - suchen die Betroffenen eher bei einem traditionellen Heiler als bei einem Schulmediziner Hilfe. Viele Afrikaner empfinden die Missachtung der spirituellen Dimension einer Krankheit als größtes Defizit der westlichen Heilkunde.

Ein traditioneller Makonde-Heiler zeigt Dr. Walter Bruchhausen seine Medizinkiste. Dieses Bild ist auch im Internet abrufbar unter http://www.verwaltung.uni-bonn.de/presse/Bildgalerie/ethno.jpg.

Der Ethnomediziner Dr. Walter Bruchhausen hat im Südosten Tansanias eine Reihe von Interviews mit Angehörigen der verschiedenen ethnischen Gruppen der Region - Wamwera, Wamakua, Wamakonde und Wayao - geführt. "Die Perspektive der Einheimischen zu den traditionellen und westlichen Vorstellungen zu Gesundheit, Krankheit und Heilung kommt in der Literatur bislang zu kurz", erklärt Dr. Bruchhausen den Ansatz. Im Mittelpunkt stand bei seinen Gesprächen die Frage, in welchen Fällen die Kranken einen traditionellen Heiler konsultieren und wann sie im Krankenhaus Hilfe suchen. "Es zeigte sich, dass alle Beschwerden, die im Kopf lokalisiert werden - Epilepsie, Schwindel oder Wahnsinn - eher zur Nutzung der traditionellen Medizin führen", fasst der Ethnomediziner seiner Ergebnisse zusammen. "Für Krankheiten, die ganz offenbar dringend einer Operation bedürfen - insbesondere geburtshilfliche Komplikationen - suchen die Betroffenen dagegen nach Möglichkeit ein Krankenhaus auf. Bei der Behandlung von Geschlechtskrankheiten sind die Meinungen geteilt."


Für die Menschen in Tansania besteht eine klare Unterscheidung zwischen "traditioneller" und "moderner", "einheimischer" und "europäischer" Medizin. Doch wenn man diese Zuordnungen näher untersucht, verschwimmen, ähnlich wie bei weiten Teilen der europäischen "Alternativmedizin", die klaren Grenzen. "Traditionelle" Heiler bauen seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts regelrechte Praxen und kleine Krankenhäuser für ihre Patienten, verwenden auch Tabletten aus der Apotheke und sehnen sich nach einer wissenschaftlichen Untersuchung ihres Heilpflanzen-Schatzes, die eine zuverlässigere Dosierung ermöglichen soll. Und selbst ein an der Universität ausgebildeter Psychiater empfiehlt bei Besessenheit Segnung und Gebet durch den Krankenhausseelsorger.

"Tatsächlich empfinden viele Afrikaner die Mißachtung der spirituellen und sozialen Dimension als größtes Defizit der europäischen Medizin", so Dr. Bruchhausen. "Untersuchungen, Medikamente, Operationen werden zwar bereitwillig in Anspruch genommen. Doch weil sie im Empfinden der Betroffenen häufig nur die Beschwerden und Folgen, nicht aber die eigentlichen Ursachen der Störungen beseitigen, müssen andere Experten aufgesucht werden." Die wahren Urheber seien dann häufig Hexer oder erzürnte Ahnengeister. "Wurde die Krankheit beispielsweise durch Geister verursacht, sind zur Heilung exorzistische Gebetsrituale oder nächtelange Trommel- und Tanzveranstaltungen nötig." Eine Ausstellung zur Geschichte des Gesundheitswesens in Tansania wird demnächst auch in Bonn zu sehen sein.

Ansprechpartner für die Medien: Walter Bruchhausen, Medizinhistorisches Institut, Tel.: 0228/287-5004, Fax: Tel.: 0228/287-5007, E-Mail: Walter.Bruchhausen@ukb.uni-bonn.de

Weitere Informationen:


Frank Luerweg, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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