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Universität Augsburg, 23.07.02

Wählerverhalten: Die Bedeutung von Spitzenpolitikern wird überschätzt

Ab dem 29. Juli 2002 im Buchhandel: Frank Brettschneider: Spitzenkandidaten und Wahlerfolg. Personalisierung - Kompetenz - Parteien. Ein internationaler Vergleich, Westdeutscher Verlag, Wiebaden 2002

Die Einzelergebnisse seiner Studie, die ab dem 29. Juli 2002 unter dem Titel "Spitzenkandidaten und Wahlerfolg" im Buchhandel erhältlich sein wird, fasst Brettschneider folgendermaßen zusammen:

KANDIDATEN KOMPENSIEREN PARTEIDEFIZITE - ODER SIE VERSTÄRKEN SIE

Kandidaten verleihen seit jeher dem Programm ihrer Partei Gesicht und Stimme. Sie können Defizite der Partei ausgleichen (wie dies Gerhard Schröder bei der Bundestagswahl 1998 gelang), sie können diese defizite aber auch verstärken (Rudolf Scharping 1994). Kandidaten sind wichtig, um die eigenen Anhänger, die Stammwähler, zu mobilisieren. Sie müssen aber auch Wechselwähler überzeugen können, die sich von Wahl zu Wahl neu orientieren.


NICHT DIE FRISUR MACHT POLITIK, SONDERN DAS WAS SICH UNTER IHR VERBIRGT

Der ideale Kanzler soll aus Sicht der Wähler in erster Linie in Sachfragen kompetent sein. Dies gilt vor allem für die Wirtschaftspolitik und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Der Idealkanzler ist vertrauenswürdig und integer. Und er hat Leadership-Qualitäten - er ist entscheidungsfreudig, tatkräftig, redegewandt und führungsstark. Unpolitische Merkmale oder Eigenschaften - etwa das Alter, das Auftreten oder die Ausstrahlung - werden hingegen häufig in ihrer Bedeutung für das Wählerverhalten überschätzt. Wähler schenken ihnen zwar Aufmerksamkeit, auch reden sie mit Nachbarn oder Freunden über das Outfit des einen oder die (nicht) gefärbten Schläfen des anderen Kandidaten; wahlrelevant werden solche Themen jedoch fast nie. Dies gilt sowohl für die Bundesrepublik als auch für die USA und für Großbritannien. Wähler wissen, dass nicht Haare Politik machen, sondern dass es darauf ankommt, was sich unter den Haaren verbirgt.

WER STEHT FÜR WELCHE POLITISCHEN RICHTUNGSVORSTELLUNGEN?

Für die Wahlentscheidung zählt die wahrgenommene Sachkompetenz der Kandidaten. Dabei geht es nicht um Details der Rentenreform, um Einzelheiten der Großfeuerungsanlagenverordnung oder um die Einbettung Deutschlands in ein kompliziertes außenpolitisches Geflecht. Aber es geht um politische Richtungsvorstellungen: Welcher der Kandidaten und welche der durch die Kandidaten repräsentierten Parteien steht stärker für soziale Gerechtigkeit als der Kontrahent mit seiner Partei? Wem wird die Aufrechterhaltung innerer und äußerer Sicherheit zugetraut? Wer schafft günstige wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen? Wer setzt sich für nachhaltigen Umweltschutz ein?

CANDIDATE-VOTING ODER AUCH NICHT - JE NACHDEM

Entgegen der Personalisierungsbehauptung sind Kandidaten-Images in den letzten Jahrzehnten für das Wählerverhalten nicht kontinuierlich wichtiger geworden. Stattdessen variiert das Ausmaß des kandidatenorientierten Wählerverhaltens von Wahl zu Wahl. Ob und in welchem Umfang "Candidate-Voting" stattfindet, hängt von institutionellen, situativen und individuellen Faktoren ab.

INSTITUTIONELLE FAKTOREN

Erwartungsgemäß orientieren sich Wähler im amerikanischen Präsidentialismus am stärksten an den Kandidaten. Die Direktwahl des Präsidenten, die relative lose Verbindung zwischen Partei und Kandidat, die exponierte Position der Kandidaten, die durch die weite Verbreitung der "Primaries" noch bestärkt wird - all dies trägt dazu bei, dass die Stimmabgabe der Wähler in den USA stark von den Kandidatenorientierungen beeinflusst wird. Sie sind dort wichtiger als die Parteiidentifikation, also die langfristige Bindung eines Wählers an eine Partei. Dadurch ist das Wählerverhalten in den USA flexibler, d.h. Wähler reagieren stärker auf die jeweiligen personellen Alternativen als in parlamentarischen Systemen. Im bundesdeutschen Parlamentarismus hingegen ist das Wählerverhalten nach wie vor deutlich von der langfristigen Bindung an eine der beiden Volksparteien geprägt. Auch werden Spitzenkandidaten und Parteien hier eher als Handlungseinheit wahrgenommen.

SITUATIVE EINFLÜSSE

Wähler orientieren sich stärker an den Kandidaten, wenn sie zwischen den Parteien keine großen Positionsunterschiede oder keine unterschiedlichen Fähigkeiten zur Lösung politischer Probleme wahrnehmen. Und eine Orientierung der Wähler an den Kandidaten ist vor allem dann wahrscheinlich, wenn ein Kandidat besonders positiv, sein Kontrahent hingegen negativ beurteilt wird.

INDIVIDUELLE PRÄDISPOSITIONEN

Individuelle Abhängigkeiten: Bei Personen mit einer starken Parteiidentifikation ist ein eigenständiger Einfluss der Kandidatenorientierungen auf das Wählerverhalten die Ausnahme. Die langfristige Parteibindung wirkt dann als Filter für die Wahrnehmung und Bewertung der Kandidaten. Wähler ohne Parteiidentifikation orientieren sich stärker an den Kandidaten. Aber auch sie bewerten die Kandidaten unter dem Gesichtspunkt der Kompetenz, der Integrität und der Führungsqualitäten.
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KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:
Prof. Dr. Frank Brettschneider
Kommunikationswissenschaft
Universität Augsburg
86135 Augsburg
Telefon: 0821/598-5665, Fax: 0821/598-5666
e-mail: brettschneider@web.de


Klaus P. Prem, Universität Augsburg
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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