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Universität Bremen, 04.11.03

Vollständig dokumentiert: Gustav Schlesier über Hölderlin

Bremer Doktorand veröffentlicht das Archiv des frühesten Hölderlin-Forschers

Die Herzen von Hölderlin-Kennern werden höher schlagen: Denn jetzt liegt eine vollständige Edition von Gustav Schlesiers Hölderlin-Aufzeichnungen vor. Kaum eine Veröffentlichung über das Wirken Hölderlins kommt ohne Bezüge auf Schlesier aus. Er ist neben den ersten Herausgebern der zeitnahste und authentischste Hölderlin-Forscher. Seine Aufzeichnungen sind kürzlich von Hans Gerhard Steimer, Hölderlin-Experte an der Bremer Uni, als Teil seiner Dissertation veröffentlicht worden ("Gustav Schlesier, Hölderlin-Aufzeichnungen"). Der Bremer Literaturwissenschaftler hat zahlreiche neue Informationen und Details zur Biographie Friedrich Hölderlins in der ersten vollständigen Gustav-Schlesier-Edition zutage gefördert. Einige bisher als Fakten gehandelte Annahmen werden revidiert.


Friedrich Hölderlin ist der bedeutendste Odendichter der deutschen Literatur. Geboren 1770 in Lauffen am Neckar führte ihn sein Lebensweg über Tübingen, Waltershausen (Thüringen), nach Frankfurt am Main, Jena, Stuttgart und Nürtingen, später in die Schweiz, dann nach Bordeaux, Homburg und schließlich wieder nach Tübingen. Aus Frankreich war er 1802 krank und innerlich zerrissen nach Deutschland zurückgekehrt - der entscheidende Bruch in Hölderlins Leben. Er starb 1843 in Tübingen.

Was macht die Schlesier-Edition so interessant? Beispielsweise dieser Brief an seine Geliebte Suzette Gontard in Frankfurt: "Weist Du, woran es liegt, die Menschen fürchten sich voreinander, daß der Genius des einen den andern verzehre, u. darum gönnen sie sich wohl Speise u. Trank, aber nichts, was die Seele nährt, u. können es nicht leiden, wenn etwas, was sie sagen u. thun, im andern einmal geistig aufgefaßt, in Flamme verwandelt wird. Die Thörigen! Wie wenn irgend etwas, was die Menschen einander sagen könnten, mehr wäre, als Brennholz, das erst, wenn es vom geistigen Feuer ergriffen wird, wieder zu Feuer wird, so wie es aus Leben u. Feuer hervorging...". Hölderlin hat diesen Brief bei seinen heimlichen Treffen mit der verheirateten Geliebten wohl nicht übergeben. Die Kenntnis des Briefs verdankt die Nachwelt den Recherchen Gustav Schlesiers, selbst Schriftsteller und fasziniert von Hölderlins Werken. Er arbeitete kurz nach Hölderlins Tod an einer Ausgabe und Biographie des Dichters. Dabei gelang es ihm, den später beseitigten Teil von Hölderlins Nachlass einzusehen. Schlesier machte sich Abschriften und Auszüge dieses wertvollen Materials, darunter auch der Brief an Suzette Gontard.

Schlesier war der Letzte, der die Papiere aus dem Hölderlin-Nachlass zu Gesicht bekam. Eine Hölderlin-Biographie ist allerdings nie erschienen. Seine Arbeiten gerieten in Vergessenheit, er selbst verarmte völlig. Erst 1904 entdeckte der angehende Hölderlin-Herausgeber Wilhelm Böhm diese Aufzeichnungen auf dem Bücherwagen eines Berliner Antiquars. Böhm erkannte, dass die Lose-Blatt-Sammlung zwischen abgegriffenen Aktendeckeln unbekanntes Material barg, darunter Auszüge verloren geglaubter Briefe von Hölderlin und verschollener Schreiben an ihn. Der Fund wurde 1923 veröffentlicht. Seither liegen Gustav Schlesiers Hölderlin-Aufzeichnungen jeder Biographie des Dichters zugrunde. Zum ersten Mal systematisch ausgewertet wurden sie für die Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe (1943-1985).

Die Steimer`sche Schlesier-Edition fördert eine ganze Reihe bisher übersehener Informationen zur Biographie Hölderlins zutage, etwa über die Frankreich-Zeit des Dichters. Der Aufenthalt in Bordeaux ist nur durch wenige Zeugnisse belegt, obwohl es der Wendepunkt in Hölderlins Leben war. So nennt Schlesier den Namen des Hausherrn in Bordeaux. Hölderlin lebte nämlich nicht - wie bisher angenommen - im Haus seines Dienstherrn, des Hamburger Konsuls Meyer, sondern in der Familie von dessen Geschäftsfreund Gautier. Sie gehörte der kleinen protestantischen Gemeinde an. Wilhelm Böhm hatte die Adresse bereits 1923 veröffentlicht. Die Hölderlin-Forschung hat sie aber nicht wahrgenommen und sich stets auf die deutsche Kolonie in Bordeaux konzentriert. Die Gedenktafel, die dort an Hölderlins Aufenthalt erinnert, hängt also am falschen Haus - so eine Erkenntnis aus der akribischen Bearbeitung des Schlesier-Materials durch Hans Gerhard Steimer.

Doch der eigentliche Gewinn der Gustav-Schlesier-Edition liegt nicht in solchen - und vielen weiteren - biographischen Einzelheiten. Sie gibt vielmehr Forschern und Lesern das vollständige Quellenmaterial selbst in die Hand - in Anordnung, Wortlaut und Schreibweise des Originals. Besonders in den zahlreichen Fällen, in denen ein verschollener Brief des Dichters sonst nur im Erstdruck der Hölderlin-Gesamtausgabe von 1846 vorliegt, können sie sich ein eigenes Urteil über den Quellenwert der häufig abweichenden Parallelüberlieferung bilden.

Querverweise, Übersichtstafeln und Register kartographieren erstmals das vielschichtige Sammeldokument. Der Text ist gegenüber den vorliegenden Hölderlin-Ausgaben verbessert. Er enthält vor allem die häufig unterschlagenen Auslassungszeichen Schlesiers. Das aus der ältesten editorischen Form des Randglossars neu entwickelte Layout der Ausgabe gestattet die von Herausgeberzeichen ungestörte Lektüre des Textes und verzeichnet zugleich, textbegleitend, sämtliche Varianten der Handschrift - vielleicht ein Vorbild für ähnliche Editionsprojekte.

Während die fast unübersehbare Sekundärliteratur zu Hölderlin vielfach von der notwendigen Abgrenzung der Standpunkte lebt - oft aus Furcht vor dem "Genius" des anderen - wird nun das Privatarchiv eines frühen Hölderlin Forschers Gemeingut. Der Dichter hat das Wort als "Brennholz" gesehen. Aber zugleich darauf bestanden,"daß gepfleget werde der veste Buchstab" - genau diesem Wunsch Hölderlins entspricht die Arbeit von Hans Gerhard Steimer.

Weitere Informationen:

Universität Bremen
Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften
Hans Gerhard Steimer
Tel.: 0421 - 218 8756, privat: 04298 - 5101
E-Mail: steimer@uni-bremen.de


Angelika Rockel, Universität Bremen
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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