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Freie Universität Berlin, 24.01.01

Verlegte Geschichte oder Was geschieht mit Memoiren?

Die FU-Historikerin, Gudrun Wedel, frönt seit über dreißig Jahren einem ausgefallenen Hobby: Sie sammelt Autobiographien von Frauen, die im deutschsprachigen Raum zwischen 1800 und 1900 gelebt haben. Inzwischen ist ihr Schatz auf 2000 Stück angewachsen. Operndiven, Hausfrauen, Lehrerinnen oder Pfarrfrauen griffen ebenso zur Feder wie Schauspielerinnen oder Krankenschwestern. Für ihr Engagement ist Gudrun Wedel jüngst mit dem höchstdotierten Preis für Frauenforschung, dem Margherita-von-Brentano-Preis, ausgezeichnet worden.

Da es bislang kein Verzeichnis über Autobiographien von Frauen gibt, ist Gudrun Wedel bei ihrer detektivischen Suche vor allem beim Trödler, in Antiquariaten und auf Flohmärkten fündig geworden. "Männer schreiben über ihre Karriere, Frauen über ihre Kindheit und ihre Familie", resümmiert Gudrun Wedel den sogenannten "kleinen Unterschied" zwischen von Männern und Frauen herausgegebenen Memoiren. Frauen, die einmal schreiben, tun dies öfter. "Oft erzählen Frauen erst ihre Kindheit und schreiben später über ihre Ehe oder ihren Beruf als Lehrerin". Die Gründe für das Verfassen von Memoiren sind vielfältig. Das Geschichten-Erzählen gehörte im 19. Jahrhundert noch fest zum gesellschaftlichen Kodex. Viele Frauen schrieben deshalb ihre Erinnerungen für ihre Kinder auf. Andere müssen Krisen bewältigen, wie den Tod des Ehemannes, Krankheit oder Kriegszeiten. Schon während ihres Studiums beschäftigte sich Gudrun Wedel mit der Frage, warum so wenig über das autobiographische Schreiben und Publizieren von Frauen bekannt ist. Bei der Recherche stellte sie fest, dass Autobiographien von Frauen vergessen, verdrängt und übergangen worden sind. So ergab beispielsweise die Durchsicht der Frauenzeitung: "Die Frau", die von 1893-1944 erschien, dass sehr viel mehr Autobiographisches von Frauen vorhanden ist als bislang angenommen. Bei ihrer Suche ist Gudrun Wedel häufig auf "konservative Autobiographien" gestoßen. Bibelzitate, ein schwerfälliger Stil und ein kolportiertes Frauenbild verderben der 51-Jährigen manchmal den Lesespaß. Bisweilen sind Memoiren auch geschönt. "Die Schwester von Edith Stein hat alle Stellen getilgt, in denen sie schlecht wegkam", erinnert sich Gudrun Wedel. Während die Religion, der Garten, die Küche und Tiere sich in Memoiren als Sujets bestens eignen, fallen Sexualität und Geld meist unter den Küchentisch. Memoiren von unbekannten Frauen hatten im 19. Jahrhundert eine Chance auf Veröffentlichung, wenn sie religiös motiviert waren oder Heimaterinnerungen darstellten. Ansonsten interessierte sich das Publikum natürlich eher für die Memoiren von Tilly Wedekind oder Magda Schneider. Biograpische Skizzen von Unbekannten sind daher schwer auffindbar. Oft erschienen sie an "abgelegener" Stelle in einer Gartenzeitschrift, im Privatverlag oder im Kirchenblättchen.
Einen Sonderfall stellen die Memoiren von Lehrerinnen im 19. Jahrhundert dar, über die Gudrun Wedel im Böhlau-Verlag jüngst ihre Dissertation mit dem Titel: "Lehren zwischen Arbeit und Beruf. Einblicke in das Leben von Autobiographinnen aus dem 19. Jahrhundert." Wien Böhlau 2000 veröffentlichte. Häufig benutzten Lehrerinnen das Schreiben als Sprungbrett, um dem ungeliebten und schlecht bezahlten Beruf zu entkommen, weshalb der Titel der Memoiren häufig nichts über den Beruf der Verfasserin verrät. "Je kleiner die Kinder, je geringer war das Ansehen der Lehrerinnen" - so eine der Thesen ihrer Dissertation. Während die katholischen Schulschwestern aber in der Bevölkerung ein gewisses Renomée besaßen, galt dies für die unverheirateten protestantischen Fräuleins nicht. "Die meisten Frauen wollten Denken lernen und haben deshalb Mathematik studiert", sagt Gudrun Wedel, zumal Frauen in den sogenannten Gesinnungsfächern ohnehin selten unterrichten durften.
Gudrun Wedel (geb. 1949) hat in Frankfurt a. M. Germanistik und Geschichte studiert. Nach dem 2. Staatsexamen für das Amt der Studienrätin, promovierte sie 1997 in Geschichte bei Prof. Dr. Claudia Ulbrich (FU) und Prof. Dr. Hartmut Kaelble (HU). Die Historikerin arbeitete unter anderem als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Berlin Bibliographie an der Senatsbibliothek, an der Arbeitsstelle für die Schulgeschichte Berlins der FU Berlin und am Heimatmuseum Neukölln. Gegenwärtig arbeitet die Historikerin im Rahmen eines DFG-Projekts an der Freien Universität daran, die von ihr erschlossenen Autobiographien in einem Nachschlagwerk zugänglich zu machen.

Dr. Felicitas von Aretin

Nähere Informationen gibt Ihnen gerne: Dr. Gudrun Wedel; E-Mail: guwedel@zedat.fu-berlin.de


Ilka Seer, Freie Universität Berlin
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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