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Eberhard Karls Universität Tübingen, 18.12.03

Tübinger Wissenschaftler entdecken neue Eiszeitkunstwerke aus Elfenbein

Die Schwäbische Alb als Zentrum der kulturellen Entwicklung des anatomisch modernen Menschen

Wissenschaftler der Universität Tübingen haben bei Ausgrabungen in der Höhle "Hohle Fels" bei Schelklingen auf der Schwäbischen Alb drei kleine Skulpturen aus Mammutelfenbein gefunden, die mehr als 30.000 Jahre alt sind. Prof. Nicholas Conard Ph. D., einer der Leiter des Forschungsteams, berichtet darüber in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Nature vom 18. Dezember 2003. Es handelt sich bei den Funden um einen Pferdekopf, einen Wasservogel und einen Löwenmenschen. Sie sind ein neuer Beleg dafür, dass das Gebiet an der oberen Donau mit den Höhlen der Schwäbischen Alb ein wichtiges Zentrum der kulturellen Entwicklung des anatomisch modernen Menschen war: Insgesamt wurden in den vier Höhlen (Hohle Fels, Vogelherd, Hohlenstein-Stadel und Geißenklösterle) 18 Elfenbeinfiguren gefunden, die zu den ältesten figürlichen Kunstwerken der Menschheit gehören, außerdem sehr frühe Musikinstrumente, verschiedene Schmuckobjekte und zahlreiche neue Werkzeugformen. Sie alle entstanden in einer Zeit, als sich die ersten modernen Menschen der Art Homo sapiens sapiens entlang der Donau über Europa ausbreiteten, in einer Zeit, die von extremen klimatischen Veränderungen geprägt war.


Der Pferdekopf hat ein vergleichbares Alter wie das berühmte Wildpferdchen aus Mammutelfenbein, das 1931 in der Höhle "Vogelherd" im Lonetal ausgegraben wurde. Der Wasservogel ist die älteste bekannte Darstellung eines Vogels. Er hat einen spitzen Schnabel, einen langen Hals, Augen, einen herausragenden Schwanz und könnte eine Taucherart, etwa einen Kormoran oder eine Ente, darstellen. Das Tier ist in einer dynamischen Haltung wie im Flug wiedergegeben. Der jüngste Fund des "Löwenmenschen" ist der zweite bisher bekannte Fund in dieser Art. Er ähnelt in mehreren Merkmalen dem "Löwenmenschen" aus der Höhle "Hohlenstein-Stadel" im 35 km nordöstlich gelegenen Lonetal. Er ist mit einer Länge von 3 - 4 cm jedoch wesentlich kleiner als die 30 cm lange bekannte Figur, die im Ulmer Museum zu sehen ist. Man kann die Figuren des Löwenmenschen so interpretieren, dass Verwandlungen zwischen Menschen und Löwen zu den Inhalten des Glaubens gehörten, den die eiszeitlichen Bewohner dieser Region praktizierten.

Durch Radiokohlenstoffdaten (C 14-Methode) lassen sich die Figürchen auf mehr als 30.000 Jahre datieren. Demnach zählen sie zu den ältesten Beispielen figürlicher Kunst weltweit. Sie gehören in die Kultur des Aurignacien, das nach einem Fundplatz in Südfrankreich benannt ist. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Figuren von anatomisch modernen Menschen gefertigt wurden, denn figürliche Kunst wurde bisher nie in eindeutigem Zusammenhang mit vormodernen Menschenformen wie etwa dem Neandertaler gefunden. Die europäischen Neandertaler scheinen wenige Jahrtausende nach der Besiedlung im Hohle Fels ausgestorben zu sein. Bisher wurden auf der Schwäbischen Alb keine klaren Hinweise darauf gefunden, dass sich moderne Menschen und Neandertaler begegnet wären. Vielmehr sieht es so aus, als hätten die modernen Menschen die Region entlang des Donautals vor fast 40.000 Jahren besiedelt und ein Gebiet betreten, in dem Neandertaler nicht oder nur noch mit sehr geringer Bevölkerungsdichte anwesend waren.

Fotos von den Objekten finden sich im Internet unter:
http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pm/pm2003/pm711.html

Auf Wunsch senden wir Ihnen hochaufgelöste Dateien dieser Abbildungen per E-Mail zu: Tel.: (07071) 29-76789 oder 29-77854 oder 29-77477

Nähere Informationen:

Prof. Nicholas Conard Ph. D.
Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters
Burgsteige 11 (Schloss)
72070 Tübingen
Tel.: (07071) 29-72416
Fax: (07071) 29-5714
E-Mail: nicholas.conard@uni-tuebingen.de


Michael Seifert, Eberhard Karls Universität Tübingen
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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