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Karl-Franzens-Universität Graz, 30.09.05

Soldatin im 18. Jahrhundert: Grazer Historiker erforscht weibliche Kapitel der Militärgeschichte

Schon lange vor den Diskussionen über den Eintritt von Frauen in das Österreichische Bundesheer - seit 1998 möglich - kämpften Soldatinnen an vorderster Front: Dr. Nikolaus Reisinger vom Institut für Geschichte der Universität Graz ist den Frauen in den europäischen Heeren auf der Spur. Ihre Präsenz als Marketenderinnen, "Heerfrauen" und in seltenen Fällen auch als Kämpferinnen während der gesamten Frühen Neuzeit ist nachgewiesen.

"Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurden Frauen aus dem gesamten militärischen Bereich verdrängt", erzählt der Historiker. "Die Folge davon war ihr verdecktes 'Eindringen' in die Armeen: Als Männer verkleidet machten sie Karriere beim Heer."
Besonders interessant, weil auch gut dokumentiert, sei der Fall von Francesca Scanagatta (1776-1865). Die in Mailand geborene Frau beschloss 1794, anstelle ihres Bruders die Ausbildung zum Offizier an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt zu absolvieren. Dies gelang ihr, indem sie die Akademie als so genannter "externer Frequentant" besuchte, das heißt, als Rekrut, der außerhalb der Akademie privat wohnte. 1797 wurde sie als Fähnrich ausgemustert und dem Warasdiner St. Georger Grenzregiment Nr. 4 zugeteilt. Aus Angst, als Frau erkannt zu werden, wechselte die Soldatin immer wieder ihr Regiment. Kurz nach ihrer Beförderung zum Leutnant im Jahr 1800 beendete sie ihre militärische Karriere, ohne dass ihr "Frausein" entdeckt wurde. Hauptgrund für ihr Austreten aus dem Heer dürften entzündete Druckstellen aufgrund des ständigen Einschnürens der Brüste gewesen sein.
Kaiser Franz II., der schließlich ihre Identität erfuhr, entließ Francesca Scanagatta unter Wahrung ihres militärischen Ranges und mit dem Recht, bei Anlässen ihre Uniform sowie ihre Auszeichnungen zu tragen, aus dem Dienst und gewährte ihr eine lebenslange Leutnants-Pension. Einige Jahre später heiratete sie und wurde in Folge vierfache Mutter.
Frauen hatten sich zumeist aus sozio-ökonomischen Motiven entschlossen, ihre "Frauenrolle" abzulegen: "Die Schaffung von Verdienstmöglichkeiten, von sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegschancen in Berufsfeldern, die Männern vorbehalten waren, oder auch die Angst vor Armut und drohender Prostitution, bewogen Frauen zu diesem Schritt", erläutert Reisinger. "Dieses Phänomen wurde europaweit vereinzelt für das 16. Jahrhundert und verstärkt für das 17. und 18. Jahrhundert untersucht, wobei etwa 75 % aller Frauen in Männerrollen als Marine- oder Landsoldatinnen gedient hatten. Der Großteil der übrigen 25 % war in handwerklichen Berufen oder als Hausdienerinnen tätig."
Bisher wurde Militärgeschichte vor allem von Männern für Männer geschrieben und erzählte von männlichen Protagonisten. Reisinger sieht hier ein Forschungsdefizit im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung. Durch die gesetzlich legalisierte und allmählich gesellschaftlich akzeptierte Integration von Frauen in die Armeen in Europa seit dem Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart steige nun laut dem Wissenschafter das Interesse an diesem Forschungsbereich.

Kontakt:
Mag. Dr. Nikolaus Reisinger
Institut für Geschichte der Universität Graz
Tel.: +43/316/380-2246
E-mail: nikolaus.reisinger@uni-graz.at


Gudrun Pichler, Karl-Franzens-Universität Graz
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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