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Ruhr-Universität Bochum, 20.09.01

Situation der 6 Mio. Amerikaner muslimischen Glaubens

Wenige Tage nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center (WTC) und das Pentagon konzentriert sich die Medienberichterstattung auf Opfer und (Verfolgung der) Täter. Meist geschieht dies nach dem Schwarzweißmuster: christliche/jüdische Opfer und muslimische Täter. Ein an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Uni Bochum verfasster Aufsatz zeigt, wie falsch dieses Muster ist.

Bochum, 20.09.2001
Nr. 273

Terror: Das falsche Muster von Opfern und Tätern
Situation der 6 Mio. Amerikaner muslimischen Glaubens
Aktueller Aufsatz an der RUB-Fakultät für Sozialwissenschaft

Wenige Tage nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center (WTC) und das Pentagon konzentriert sich die Medienberichterstattung auf Opfer und (Verfolgung der) Täter. Meist geschieht dies nach dem Schwarzweißmuster: christliche/jüdische Opfer und muslimische Täter. Ein an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Uni Bochum verfasster Aufsatz zeigt, wie falsch dieses Muster ist. Mousa Othman und Susanne Kröhnert-Othman verweisen u.a. darauf, dass unter den Opfern des Terroranschlags viele Muslime sind und dass zahlreiche muslimische Hilfsorganisationen spontan zu Spenden für alle Opfer aufgerufen haben.


Muslim, Amerikaner und Weltbürger zugleich

Muslim sein, Amerikaner und Weltbürger - das scheint dieser Tage eine Anforderung zu sein, die den etwa 6 Mio. US Amerikanern muslimischen Glaubens eine besondere individuelle und kollektive politische Ortsbestimmung abfordert. Die öffentliche Rede vom Terrorangriff auf die "zivilisierte Welt" hat dabei zurzeit viele Gesichter und birgt einen Interpretationsspielraum, der sich leicht von den Vertretern einer Teilung der Welt entlang kulturalistischer Perspektiven nutzen lässt. Schnell ist der Begriff der Zivilisation einseitig vereinnahmt, die Teilung in den Köpfen der Menschen komplett; und andere Sichtweisen müssen mühsam wieder eingeführt werden. Nicht nur in den USA, in denen sich die Patrioten hinter der Fahne versammeln, sondern auch in Europa und der arabisch-islamischen Welt geht es momentan dringend darum, die laute Stimme einer lokalen und globalen Zivilgesellschaft zu hören, die sich in die Debatte einmischt. Die "zivilisierte Welt" darf sich nicht teilen und in nationale, ethnische oder religiöse Schranken verweisen lassen.

Immer mehr Muslime in denUSA

In den USA wird sich der Islam nach Schätzungen des US Außenministeriums bis zum Jahr 2010 zur zweitgrößten Religion nach dem Christentum entwickeln. 77 Prozent der heutigen muslimischen Bevölkerung sind nicht in den USA geboren, sondern aus Asien und dem Nahen Osten zugewandert. Diese Gruppe ist durch die Irritation der amerikanischen Öffentlichkeit besonders getroffen. Zur rhetorischen Ausgrenzung von Muslimen gesellen sich Gewaltandrohung und tätliche Übergriffe. Internetseiten amerikanischer muslimischer Lobbyorganisationen wie des Islamic Circle of North America (ICNA) und des Council on American/Islamic Relations CAIR sind voll von Pressemiteilungen zu Übergriffen auf muslimische Einrichtungen und Einzelpersonen. Ein Ansturm von so genannten Hassmails zwang islamische Internetseiten zum zeitweiligen Abschalten. Noch ist jedoch Platz für Aushandlungen und Zwischentöne. So definiert ein palästinensischer Amerikaner in Florida solche Übergriffe als "gänzlich unamerikanisch" und neben den Hassmails kommen in elektronischen Briefen auch andere Stimmen zu Wort. Nicht-Muslime ermutigen ihre muslimischen Nachbarn mit Botschaften der Sympathie.

Muslimische Hilfsorganisationen

Muslime in Amerika haben sich nicht nur in Lobbyorganisationen zusammengeschlossen. Seit Mitte der 80-er Jahre existieren auch internationale Hilfsorganisationen (non-profit-charities), die sich global und lokal bei der Bewältigung menschengemachter und natürlicher Katastrophen engagieren. Sie finanzieren sich vorwiegend aus Spendengeldern muslimischer Migranten, die von Kreditkartenbesitzern online von jedem Ort der Welt übermittelt werden können. Sie sind zumeist bei den Vereinten Nationen registriert und beteiligen sich an nationalen und internationalen Netzwerken im Bereich der Katastrophen- und Flüchtlingshilfe. Der Blick auf ihre Spendenkampagnen unter Muslimen in aller Welt zeigt eine große Vereinbarkeit von religiöser Motivation und Verpflichtung auf generelle humanitäre Solidarität und Mitgefühl. Zwar werden die Hilfsprogramme und längerfristigen Entwicklungsprojekte der Organisationen wie Mercy-USA, Global Relief Foundation, Islamic American Relief Agency oder der Holy Land Foundation (HLF) vorwiegend in muslimischen Ländern oder unter muslimischen Minoritäten umgesetzt, nicht-muslimische Gruppen vor Ort werden jedoch nicht von den Hilfsleistungen ausgeschlossen. Der Aufruf zum Spenden erfolgt mit Hinweis auf islamische Traditionsquellen, die Mitmenschlichkeit über die islamische Gemeinschaft (umma) hinausgehend verstehen.

Anteilnahme und Spenden

Es wundert nicht, dass sich die gleichen Hilfsorganisationen ein paar Tage nach dem Anschlag auf World Trade Center (WTC) und Pentagon auf ihren Internetseiten zu Wort melden. Alle rufen zu freiwilligen Hilfeleistungen von medizinischem Personal und zu Blutspenden auf. Der Präsident der HLF, die sich sonst insbesondere für palästinensische Flüchtlinge einsetzt, ruft auf, einer "Teilung der Nation" entgegenzutreten. Die Benevolence International Foundation koordiniert ihre Hilfeleistung mit dem majlis ash-shura von New York, dem Rat der islamischen Organisationen und Moscheen und plant die Unterstützung der Kinder von Opfern des Anschlags. Der Islamic Circle of North America erklärte Freitag, den 14. September, zum Tag der Trauer und des Gebets. Die Gläubigen wurden nicht nur zu Blutspenden nach dem Freitagsgebet aufgerufen. Sie sollen auch mit Gemeinden anderer Religionen Kontakt aufnehmen und gemeinsame Resolutionen verfassen.

WTC: Hunderte muslimische Opfer

Auf der Eingangsseite des Islamic Circle of North America findet sich außerdem der Hinweis auf Hunderte von muslimischen Opfern des Anschlags und den Verlust eines eigenen Mitarbeiters, der sich zurzeit des Anschlags im 96sten Stock des WTC befand. Per Mausklick ist ein religiöses Gutachten (fatwa) des Scheikh Yousef al-Qaradawi - eines anerkannten Führers der islamischen Bewegung - zugänglich. Seine Position ist eindeutig: Er brandmarkt die Tötung unschuldiger Zivilisten als schweres Verbrechen. Er begründet seine Verurteilung des Mordens mit der Koransure 5:32, die das Auslöschen eines einzigen Menschenlebens mit dem Mord an der gesamten Menschheit in eins setzt.

Weitere Informationen

Mousa Othman und Susanne Kröhnert-Othman, Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, Projekt VINGS, 44780 Bochum, Tel: 0234/32-23406, E-Mail: Susanne.Kroehnert@ruhr-uni-bochum.de


Dr. Josef König, Ruhr-Universität Bochum
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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