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Universitätsklinikum Heidelberg, 26.06.03

Schlechte Laune im Brummi

Wer unter Fahr-Stress leidet, neigt zu Aggressionen / Preis für erste Studie zur Belastbarkeit von LKW-Fahrern in Deutschland

Diplom-Psychologin Kerstin Lach, Preisträgerin des Förderpreises "Sicherheit im Straßenverkehr" / Foto: Privat.

Mit alltäglichem Stress im Straßenverkehr können die meisten LKW-Fahrer in Deutschland recht gut umgehen. Wer sich damit schwer tut, neigt allerdings eher zu Konflikten und aggressivem Verhalten im Straßenverkehr. Dies sind die Ergebnisse einer Untersuchung, die unter Leitung des Diplom-Psychologen Dr. Peter Strohbeck-Kühner am Institut für Rechts- und Verkehrsmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg durchgeführt wurde. Damit liegen erstmals wissenschaftliche Erkenntnisse zur subjektiven Belastung von LKW-Fahrern und ihrer Konfliktneigung in Deutschland vor.


Für ihre Diplomarbeit zu "Belastungen und soziale Konfliktneigung von LKW-Fahrern" wurde die Heidelberger Psychologin Kerstin Lach mit dem Förderpreis 2002 "Sicherheit im Straßenverkehr" der Berufsgenossenschaft für Gesundheit und Wohlfahrtspflege ausgezeichnet. Betreuer der Arbeit waren die Diplom-Psychologen Dr. Peter Strohbeck-Kühner vom Institut für Rechts- und Verkehrsmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg, der das Projekt leitete, sowie Dr. Claudia Schmidt-Rathjens vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg.

Ständige Stressfaktoren: Zeitdruck, dichter Verkehr, Konkurrenz

Wer als Fernfahrer ständig unterwegs ist und stark unter Stress steht, dem drohen gesundheitliche Schäden, Unfälle und finanzielle Einbussen. Ständiger Zeitdruck, immer dichterer Verkehr, wachsende Konkurrenz und Sorge um den Arbeitsplatz sind die gravierendsten ständigen Belastungen. Zahlreiche Studien haben die technische Optimierung des Arbeitsplatzes LKW im Blick. Der Aspekt der psychischen Belastung und Beanspruchung des LKW-Fahrers wurde bisher nur als Teilbereich in wenigen Untersuchungen berücksichtigt. In der vorliegenden Diplomarbeit stehen hingegen die spezifischen Stressfaktoren dieser Berufsgruppe im Vordergrund. Dabei wurde neben dem allgemeinen Stress auch die Aggressivität beim Fahren erfasst, sowie die Abneigung gegen das Fahren und die damit verbundene Ängstlichkeit. Weitere Fragen sind: Wie aufmerksam ist der Fahrer? Ist er verärgert, wenn er überholt wird, oder angespannt, wenn er selbst überholt?

Untersuchungen aus Großbritannien, Australien und Spanien zu diesem Themenkreis liegen bereits vor und haben ergeben, dass Fahr-Stress ein Aggregat aus negativen Gefühlen, Kognitionen und Verhalten ist. Fahr-Stress führt zu erhöhter Fahraggressivität, Fahrabneigung und Frustration in der Interaktion mit anderen Verkehrsteilnehmern.

Die Heidelberger Wissenschaftler untersuchten 121 LKW-Fahrer, die sie auf einer Autobahnraststätte angesprochen und um Teilnahme an der Studie gebeten hatten. Die Fahrer waren im Durchschnitt 42 Jahre alt. Meist fuhren sie für eine Spedition, seltener waren sie als Werksfahrer, Subunternehmer, Angestellte oder Selbständige unterwegs. Im Durchschnitt besaßen die Fahrer ihren LKW-Führerschein seit 20 Jahren. Für die Untersuchung wurde mit jedem LKW-Fahrer ein Interview geführt, ferner füllten sie mehrere Fragebögen aus, die über ihren Belastungsgrad und ihr Fahrverhalten Auskunft gaben.

Staus, langsame Fahrer und schlechtes Wetter sind belastend

"Die Ergebnisse der Untersuchung sprechen für eine gewisse Belastungsresistenz der LKW-Fahrer", erklärt Kerstin Lach. Außerdem weisen die Berufskraftfahrer eine hohe Konfliktfähigkeit auf. So zeigen die psychologischen Tests, dass die LKW-Fahrer über weniger allgemeine Belastungen berichten als der Bevölkerungsdurchschnitt. Dies gilt vor allem für ältere Fahrer, die sich weniger belastet einschätzen als ihre jüngeren Kollegen. Wer sich durch die Arbeit aber unter Druck gesetzt fühlt, findet weniger leicht Erholung.

Problematische Situationen im fließenden Verkehr werden von den LKW-Fahrern weniger als Belastung empfunden. Belastend sind dagegen Störungen des Verkehrsflusses, etwa durch Stau, andere langsame Verkehrsteilnehmer oder ungünstige Wetterbedingungen. Vielfach wird mit mangelnder Gelassenheit reagiert. LKW-Fahrer, die sehr ungeduldig sind und sich schwer erholen, neigen eher zu sozialen Konflikten und Verstößen im Straßenverkehr. Das Fahren vermittelt ihnen ein Gefühl von Macht und Aggressivität und es ist eine Genugtuung, wenn andere Verkehrsteilnehmer überholt werden können.

Diejenigen Fahrer, die über eine hohes Maß an Belastung berichten, klagen vor allem auch über die Unfähigkeit, sich zu erholen. Ihnen sollte empfohlen werden, ihre freie Zeit aktiv zur Erholung zu nutzen, eventuell auch Entspannungsverfahren einzusetzen. Auch sollten die Arbeitsbedingungen dem Erholungsbedürfnis der LKW-Fahrer Rechnung tragen, insbesondere auf den Rastplätzen. Wer es allerdings auf längere Sicht nicht schafft, Belastungen abzubauen und sich nach der Arbeit zu regenerieren, dem ist zu raten, sich über einen Berufswechsel Gedanken zu machen, so lange dies altersbedingt möglich ist, empfehlen die Heidelberger Verkehrspsychologen. Denn die Fahreignungsbegutachtung hat gezeigt, dass Fahrer, die über eine chronische Überlastung berichten, fast zwangsläufig zu Verkehrsverstößen neigen, die mit Punkten in Flensburg geahndet werden und längerfristig auch zu Problemen mit der Fahrerlaubnis und damit ihrer beruflichen Grundlage führen.

Diese Pressemitteilung ist auch online verfügbar unter
http://www.med.uni-heidelberg.de/aktuelles/


Dr. Annette Tuffs, Universitätsklinikum Heidelberg
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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