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Leibniz-Gemeinschaft, 20.12.01

Aus Schaden wird man klug - oder nicht?

Muss Lernen weh tun? Argumente aus Hirnforschung und Erziehungswissenschaft im neuen "Leibniz"

Henning Scheich

Ekkehard Nuissl von Rein

"Schlechte Erfahrungen verwandeln den Gedächtnisspeicher geradezu in Klebstoff", so Henning Scheich, Professor für Physiologie und Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie (IfN) Magdeburg, im neuen "Leibniz". Untersuchungen mit Tieren und Menschen zeigten, dass sich negative Erlebnisse stärker und dauerhafter ins Gedächtnis einprägen als positive. Dennoch stelle die Anhäufung schlechter Erfahrungen keine gute Erziehungsmethode dar, warnt Scheich. Der Mensch lerne durch ein eingebautes biochemisches Belohnungssystem, das über den Neurotransmitter Dopamin funktioniert. Dieser werde im Gehirn immer dann ausgeschüttet und erzeuge ein angenehmes Gefühl, wenn wir ein Hindernis überwinden oder ein Problem lösen. Hierbei sei es gleichgültig, ob es sich um die Erringung eines Vorteils oder um die Vermeidung eines Nachteils handelt. Auslöser des inneren Belohnungssystems sei lediglich die relative Leistung, die in der Überwindung der Distanz zwischen Ausgangssituation und Ergebnis liegt. "Das Belohnungssystem ist ein Motor für Lernprozesse und arbeitet optimal in einem Bezugsrahmen von negativen und positiven Erfahrungen", sagt Scheich.


Informationen speichere der Lernende nicht wahllos, sondern immer in Abhängigkeit von einer subjektiven Bewertung. Und damit, so der Neurobiologe, unterscheide sich das menschliche Gehirn ganz wesentlich von einem Computerchip oder einer CD-ROM, die alle eingehenden Informationen gleichrangig behandelten. Was allerdings früher das Lernen erleichtert habe, das fehle heute: gesellschaftlich vorgegebene Normen und Werte, anhand derer die große Menge aller verfügbaren Informationen nach den Kategorien "wichtig" und "unwichtig" sortiert werden kann. Der Mangel eines solchen Ordnungsfaktors ist nach Scheich einer der Hauptgründe für die jetzt öffentlich beklagte negative Bildungsbilanz.

Ekkehard Nuissl von Rein, Professor für Erwachsenenbildung an der Universität Marburg und Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) in Frankfurt am Main nähert sich der Frage, ob Lernen weh tun muss, aus pädagogischer Sicht. Er räumt zwar ein, dass man wohl aus Schaden klug werden kann. Lernen könne aber auch mit Glück, Zufriedenheit und Wohlbefinden verbunden sein. Und wenn das der Fall ist, dann will der Lernende diese positiven Gefühle wieder erleben. Positive Erfahrungen, so Nuissl, sorgen für die besten Lernergebnisse. Der Bildungsweg des lebenslang Lernenden sei dann am erfolgreichsten, wenn er den eigenen Interessen und Zielen entspreche. Wer beim Lernen "ein gutes Gefühl" hat, der möchte mehr davon haben. Der Schlüssel zum Lernerfolg bleibt eine ausreichende Motivation.

Mehr dazu im "Leibniz - Journal der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz". Die Zeitschrift kann bezogen werden über die Geschäftsstelle der WGL, wgl@wgl.de, oder über den Lemmens Verlag, info@lemmens.de.

Kontakt:
Dr. Frank Stäudner
Tel.: 0228/308 15 221
Fax: 0228/308 15 255
E-Mail: staudner@wgl.de

IfN und DIE gehören zu den 79 außeruniversitären Forschungsinstituten und Serviceeinrichtungen für die Forschung der Leibniz-Gemeinschaft. Das Spektrum der Leibniz-Institute ist breit und reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften und Museen mit angeschlossener Forschungsabteilung. Die Institute beschäftigen rund 12.000 Mitarbeiter und haben einen Gesamtetat von 1,6 Milliarden Mark. Sie arbeiten nachfrageorientiert und interdisziplinär und sind von überregionaler Bedeutung. Da sie Vorhaben im gesamtstaatlichen Interesse betreiben, werden sie von Bund und Ländern gemeinsam gefördert. Näheres unter: http://www.wgl.de.

WGL-Geschäftsstelle, Hermann-Ehlers-Str. 10, 53113 Bonn, Tel.: 0228/30815-0,
Fax: 0228/30815-255, Email: wgl@wgl.de
Belegexemplar erbeten!

Weitere Informationen:


Dr. Frank Stäudner, Leibniz-Gemeinschaft
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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