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Freie Universität Berlin, 27.06.01

Saubere Arbeitsplätze? Die Gewerkschaften im Atomkonflikt

Mit dem von Bundesregierung und Energiewirtschaft unterzeichneten Vertrag zum Ausstieg aus der Atomenergie ist der jahrzehntelange Konflikt um die Nutzung der Kernkraft in der Bundesrepublik Deutschland scheinbar beendet. Eine wichtige Rolle in diesem Konflikt haben die Gewerkschaften gespielt. Situiert zwischen staatlicher Politik, Mitarbeiterinteressen und öffentlichen Protesten haben sie die deutsche Atompolitik entscheidend mit gestaltet. Wie sich die unterschiedlichen Arbeitnehmerorganisationen in den verschiedenen Etappen der Atomenergienutzung zu den Protesten der Anti-Atom-Bewegung verhalten haben, hat der Politologe Markus Mohr in seiner am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin entstandenen Dissertation untersucht.

Die Studie beruht auf der Auswertung von Forschungsberichten und Akten der ÖTV, Protokollen von Gewerkschaftstagen, Journalen der Atomwirtschaft sowie überregionalen Tageszeitungen. Zudem führte der Autor Interviews mit Betriebsräten und Geschäftsleitungen von Atomkraftwerken. Die Darstellung umfasst einen Zeitraum von 20 Jahren: Sie beginnt mit der Besetzung des Atomkraftwerks Whyl 1975 - dem Ausgangspunkt der Anti-AKW-Bewegung - und endet mit den Bonner Energiekonsensgesprächen im Jahre 1995. Exkurse u.a. über den Charakter des Arbeitsprozesses und die Bedeutung von Leiharbeit in Nuklearanlagen durchbrechen die chronologische Darstellung. Der Autor beschränkt seine Untersuchung dabei nicht auf die Beteiligung der Gewerkschaften an den Foren der "großen Politik". Er zeichnet auch paradigmatische Sequenzen der täglichen Auseinandersetzung mit den von ihnen vertretenen Beschäftigten nach.


Mohr beschreibt in seiner Untersuchung detailliert, wie die Gewerkschaften über viele Jahre hinweg in Übereinstimmung mit den Zielen ihrer Mitglieder die (Pro-)Atompolitik der verschiedenen Bundesregierungen unterstützten. Als Argumente dienten ihnen zum einen die vermeintlich "sauberen" Arbeitsplätze und die Hoffnung auf erweiterte Mitbestimmungsmöglichkeiten auf dem Sektor der Atomenergie, zum anderen deren Bedeutung für den ökonomischen Strukturwandel sowie als Spitzentechnologie auf dem Weltmarkt. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 leitete dann eine Wende in der gewerkschaftlichen Programmatik ein. Seit dieser Zeit forderte der DGB - gegen die Mehrzahl der ökonomisch unmittelbar betroffenen und gewerkschaftlich organisierten Energiearbeiter - "einen Ausstieg so rasch wie möglich". Die Vorstände der Energiewirtschaft versuchten diese Spaltung für sich zu nutzen und wurden dabei immer wieder auch von hochrangigen Gewerkschaftsfunktionären unterstützt. Seit 1986 bestanden insbesondere zwischen der IG Metall auf der einen und der IG Chemie auf der anderen Seite unterschiedliche industriepolitische Zielsetzungen. Die Wirkungen des Atomkonfliktes provozierten zwischen den Einzelgewerkschaften zeitweise sogar Auseinandersetzungen um die Zuständigkeit für die beitragsstarken Energiearbeiter.

Mohr unterzieht in seiner Studie die in der Industriesoziologie verbreitete These einer kritischen Prüfung, wonach "moderne Arbeitnehmer" dazu neigen, politische Reformperspektiven zu vertreten. Ihm zufolge trifft diese Typisierung auf die Stammbelegschaften in Nuklearanlagen nicht zu. Obwohl sie alle Merkmale dieser Arbeitnehmergruppe aufweisen, zeigten sie im gesamten Untersuchungszeitraum keinerlei Bereitschaft zu einem Umsteuerungsprozess. Vielmehr verweigerten die Betriebsräte auch dann noch Gespräche, als die Gewerkschaftsführungen längst für einen Ausstieg aus der Atomenergie plädierten. Als "Paradoxie des Atomkonfliktes" bezeichnet es Mohr, dass sich die Repressionen des von der Anti-Atom-Bewegung beschworenen "Atomstaats" weniger auf öffentliche politische Demonstrationen auswirkten als auf die Arbeitssituation in den Nuklearanlagen selbst. So werden die Belegschaften der Atomkraftwerke von bis zu 250 Kameras überwacht, und neue Mitarbeiter müssen vor einer Einstellung Erkundigungen über sich und ihre Angehörigen ergehen lassen.

Im Juni 2001 scheinen die zu Beginn der 90er Jahre vom damaligen IG Chemie-Vorsitzenden Hermann Rappe eingeleiteten Energiekonsensgespräche mit der Vereinbarung zum Ausstieg aus der Atomenergie nun zu einem vorläufigen Abschluss gekommen zu sein. Nach Ansicht Mohrs ist der Atomkonflikt damit jedoch noch lange nicht beigelegt: "Solange Atomkraftwerke in Betrieb sind, und solange Atommüll transportiert, wiederaufbereitet und entsorgt wird, ist mit massiven Protesten der Anti-Atom-Bewegung zu rechnen. Die Gewerkschaften werden auch in Zukunft mit dem anhaltenden Gegensatz zwischen der gesellschaftlichen Ablehnung einer zerstörerischen Form der Energieproduktion und den unmittelbaren Interessen der von ihnen vertretenen Arbeitnehmer konfrontiert sein."

Die im vergangenen Jahr am Fachbereich Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin angenommene Dissertation von Markus Mohr ist jetzt im Münsteraner Verlag Westfälisches Dampfboot unter dem Titel "Die Gewerkschaften und der Atomkonflikt" erschienen.

von Thorsten Lichtblau

Literatur:
Mohr, Markus: Die Gewerkschaften und der Atomkonflikt, Münster: Westfälisches Dampfboot, 2001 (Schriftenreihe Hans-Böckler-Stiftung), 493 Seiten, DM 68,00.

Weitere Informationen erteilt Ihnen gerne:
Dr. Markus Mohr, E-Mail: mohaacke@snafu.de


Ilka Seer, Freie Universität Berlin
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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