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Ruhr-Universität Bochum, 03.03.06

RUB-Studie: Solidarität in Deutschland und Frankreich

Kaum ein Begriff wird so häufig bemüht wie die Solidarität, aber was meint ein deutscher Politiker, wenn er von Solidarität spricht? Und meint er dasselbe wie sein französischer Kollege? Dr. Gesa Reisz, Diplomsozialwissenschaftlerin und Mitarbeiterin des Zentrums für Lehrerbildung der Ruhr-Universität Bochum, geht in ihrem soeben erschienenen Buch "Solidarität in Deutschland und Frankreich" diesen Fragen auf den Grund: Das Verständnis von Solidarität knüpft laut Reisz in beiden Ländern an traditionelle Deutungen an. Der Begriff hat in Deutschland einen katholischen und sozialistischen Hintergrund, in Frankreich einen linksrepublikanischen. Das Fazit: Für das Verständnis politischer Begriffe in aktuellen Texten ist es sinnvoll, deren Entwicklung einzubeziehen. "Da Solidarität so häufig als europäischer Wert verhandelt und verschriftlicht wird, ist es nötig und wichtig, die Deutungen politischer Werte über Landesgrenzen hinaus zu betrachten", so Reisz.

Bochum, 03.03.2006
Nr. 80

Leere Worthülse oder politischer Wert
Solidarität in Deutschland und Frankreich
RUB-Sozialwissenschaftlerin veröffentlicht Studie

Kaum ein Begriff wird so häufig bemüht wie die Solidarität, aber was meint ein deutscher Politiker, wenn er von Solidarität spricht? Und meint er dasselbe wie sein französischer Kollege? Dr. Gesa Reisz, Diplomsozialwissenschaftlerin und Mitarbeiterin des Zentrums für Lehrerbildung der Ruhr-Universität Bochum, geht in ihrem soeben erschienenen Buch "Solidarität in Deutschland und Frankreich" diesen Fragen auf den Grund: Das Verständnis von Solidarität knüpft laut Reisz in beiden Ländern an traditionelle Deutungen an. Der Begriff hat in Deutschland einen katholischen und sozialistischen Hintergrund, in Frankreich einen linksrepublikanischen. Das Fazit: Für das Verständnis politischer Begriffe in aktuellen Texten ist es sinnvoll, deren Entwicklung einzubeziehen. "Da Solidarität so häufig als europäischer Wert verhandelt und verschriftlicht wird, ist es nötig und wichtig, die Deutungen politischer Werte über Landesgrenzen hinaus zu betrachten", so Reisz.


Entwicklung des Begriffs in Frankreich ?

In Frankreich kam die"Solidarité" im 19. Jahrhundert auf. Sie war eng mit idealistischen Gesellschaftsvorstellungen und Emanzipationskämpfen verknüpft und Gegenkonzept zu herrschenden politischen Verhältnissen. Verschiedene wissenschaftliche und politische Deutungen wurden in einer linksrepublikanischen Deutung zusammengefasst, die sich bis heute erhalten hat. Die Durchsetzung des linksrepublikanischen Solidarismus geht auf ein kleines, aber politisch einflussreiches Netzwerk um den Politiker Léon Bourgeois zurück. Seine Strategie war es, einen Mittelweg zwischen widerstreitenden politischen Richtungen zu begehen. Solidarität galt und gilt als Schlüsselbegriff der Republik: Bürger als Handelnde sollen sich über Politik, soziale Rechte und Pflichten, einigen können.

? und in Deutschland

In Deutschland gibt es ebenfalls eine linke, eher sozialistische Interpretationslinie für Solidarität, die eng mit der politischen Arbeiterbewegung verbunden ist. Solidarität war Kampfbegriff der Bewegung, Lebensgefühl und Grundwert einer sozialistischen Gesellschaft. Seitdem entstand eine zweite Deutungstradition: Die katholische Kirche eignete sich den Begriff Solidarität an, ohne ihn allerdings vergleichbar den Sozialisten mit Emanzipation zu verknüpfen. Als Solidaritätsprinzip prägte der Begriff entscheidend die katholische Soziallehre bis heute.

Und heute?

Reisz vergleicht ausgehend von den gewonnenen Erkenntnissen sozialpolitische Reden linker Regierungschefs beider Länder von der Nachkriegszeit bis 2000. Entsprachen die Solidaritätsbegriffe den Traditionen oder waren sie nur Worthülse und PR-Strategie? Trotz der verschiedenen Traditionen von Solidaritätsdeutungen bestehen inhaltlich große Gemeinsamkeiten: Solidarität ist Beziehung zwischen Gleichen, die auch Handelnde dieser Beziehung sind. Der Staat sollte Solidarität organisieren und stützen. Sie war in beiden Staaten ein wichtiger Wert linker Politik. Ein Bruch fand mit den Deutungen Schröders statt, der anders als seine Vorgänger und französischen Kollegen Solidarität vom emanzipatorischen Konzept löste. Als "linker" Wert verlor Solidarität bei ihm so ihr entscheidendes Charakteristikum.

Wissenschaftliche Folgen

"Es ist nötig, die historischen und politisch-kulturellen Wurzeln eines Begriffs wie Solidarität zu kennen, um ihn in aktuellen politischen Texten richtig deuten zu können", so Reisz. Nur so könne man Brüche erkennen, die den Bedeutungswandel eines Begriffs einleiten. Die entstandene politische Deutungsanalyse bietet neben einer Vielzahl neuer Erkenntnisse zur Solidaritätsgeschichte ein reiches Erklärungspotential für politische Debatten. Aus den Ergebnissen für Deutschland wurde z.B. deutlich, warum gerade Schröder Solidarität auf Protest-Transparenten gegen seine Politik lesen musste, obwohl er das Wort so häufig wie nie ein Kanzler verwandte.

Politische Folgen

Dr. Reisz zeigt, dass man sich auf gemeinsame Werte einigen kann, wenn man die historischen Entwicklungen dieser Werte und vorhandene Gemeinsamkeiten beachtet. "In einer wachsenden EU ist es wichtig, Deutungsunterschiede von politischen Werten wie Solidarität zu berücksichtigen", sagt Reisz. Ähnlichkeiten wie zwischen Deutschland und Frankreich könnten auch für andere Länder gelten. Die Autorin macht in ihrem Buch deutlich, dass Solidarität mehr als eine gefällige Überschrift politischer Maßnahmen ist. Sie ist mit ihrem emanzipatorischen Charakter noch immer aktuell.

Titelaufnahme

Gesa Reisz: Solidarität in Deutschland und Frankreich, Eine politische Deutungsanalyse, Verlag Barbara Budrich, Leverkusen-Opladen 2006, 36,00 Euro, ISBN 3-938094-92-3

Weitere Informationen

Dr. Gesa Reisz, Zentrum für Lehrerbildung, Ruhr-Universität Bochum, Studierendenhaus 1/171, Tel. 0234/32-11992, E-Mail: gesa.reisz@rub.de


Dr. Josef König, Ruhr-Universität Bochum
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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