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Charité-Universitätsmedizin Berlin, 20.10.06

Die Rolle der Charité im Dritten Reich

Neueste Forschungsergebnisse sind Thema einer Ringvorlesung

Berlin, 20. Oktober 2006. Was war der Beitrag einzelner Kliniken an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Dritten Reich? Dieser Frage will die Charité jetzt nachgehen. Im Rahmen der Vorbereitung der 300-Jahrfeier der Charité im Jahr 2010 werden vom Institut für Geschichte der Medizin bisher weniger untersuchte Perioden der Charité durchleuchtet. Dazu gehört auch die Zeit des Dritten Reiches von 1933-1945, die zur Zeit der DDR wenig wissenschaftliche Beachtung fand. Dr. Udo Schagen und Dr. Sabine Schleiermacher vom Institut für Geschichte der Medizin laden ein, sich in einer Ringvorlesung kompetenter Wissenschaftler intensiv mit der Vergangenheit der Charité im Dritten Reich auseinander zu setzen.

"Die Mehrzahl von Ärzten und Pflegenden hat die Ziele der Medizin des Nationalsozialismus mitgetragen", konstatiert Schleiermacher. Und Schagen bemerkt: "Wir konnten keinerlei Anzeichen finden, dass die Fakultät gegen die Entlassung von ge-achteten Kollegen aus ´rassischen´ Gründen protestiert hat." Damit stellen sie die gängige Auffassung, nur einzelne Mediziner hätten den Nationalsozialismus in sei-ner brutalen Art mitgetragen, in Frage.
Sieben Dozenten der Uniklinik zählten zu den Angeklagten des Nürnberger Ärzteprozesses 1946/47. Drei dieser Mediziner wurden sogar zum Tode verurteilt. Auch Befunde für Menschenversuche in der Charité sind nachweisbar. Die Instrumentalisierung der Medizin durch das politische Regime im Nationalsozialismus ist ein bekanntes Phänomen. Mit wissenschaftlichen Argumenten versuchte die politische Elite ihr verbrecherisches Handeln zu begründen. Neuere Forschungen zeigen, dass die politischen Machthaber häufig weniger auf Ablehnung als auf bereitwillige Unterstützung auch von Seiten der Medizin stießen. Sie lieferte die Kriterien für die Selektion von Menschen und damit für die Differenzierung zwischen "höherwertigen" Ariern und "lebensunwerten" Juden. Rassenbiologie, Rassenhygiene, Zwangssterilisierung, Menschenversuche - all diese beängstigenden Begriffe sind nicht nur Teil der Geschichte der Medizin sondern auch der Charité.
Das Institut für Geschichte der Medizin setzt sich für die intensive Aufarbeitung dieser kritischen Phase ein. In der zweisemestrigen Ringvorlesung "Die Charité im Nationalsozialismus und der Nürnberger Ärzteprozess 1946/47" werden entsprechende Forschungsergebnisse publik gemacht. Die Veranstaltung beginnt am Mittwoch, den 25. Oktober um 17:30 Uhr im Südflügel-Hörsaal der Medizinischen Klinik am Charité Campus Mitte und findet 14-tägig statt. Jede Sitzung wird von einem Instituts- oder Klinikdirektor eingeleitet. Das Programm der Vorlesung, zu der interessierte Besucher herzlich willkommen sind, ist online abrufbar:
www.charite.de/medizingeschichte/lehre/programm-ringvorlesung-WS0607.pdf


Kerstin Endele, Charité-Universitätsmedizin Berlin
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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