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Eberhard Karls Universität Tübingen, 10.01.06

Die römische Stadt Cossyra auf Pantelleria krönte ein Tempel

Archäologen erforschen die Struktur des Siedlungshügels am Hafen der Insel

Von Pantelleria aus kann man bei klarem Wetter einen Zipfel von Afrika sehen. Die italienische Insel liegt zwischen Sizilien und dem tunesischen Kap Bon, an der engsten Stelle zwischen dem westlichen und dem östlichen Mittelmeer. Schon in der Antike war Pantelleria, das etwas kleiner ist als Sylt, ein bedeutender wirtschaftlicher und strategischer Brückenkopf zwischen Europa und Afrika. Zur Zeit der Punischen Kriege, im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr., wurde die Insel abwechselnd von den Phöniziern (Puniern) und den Römern besetzt. Diese wechselvolle Geschichte macht die Insel als Ausgrabungsort für die Arbeitsgruppe von Prof. Thomas Schäfer vom Institut für Klassische Archäologie der Universität Tübingen so spannend. In den vergangenen Jahren hat sein Team in Zusammenarbeit mit Prof. Massimo Osanna von der süditalienischen Universität Matera einen Siedlungshügel aus punisch-römischer Zeit untersucht, der dicht am größten natürlichen Hafen im Nordwesten der Insel gelegen ist. Im Jahr 2003 hatten die Forscher in Zisternen auf diesem Siedlungshügel drei gut erhaltene Statuenköpfe von Caesar, Antonia Minor und Titus entdeckt. Nach den Ausgrabungen 2005 können sie nun nachweisen, dass sich auf der Spitze des Hügels in früheren Zeiten eine römische Tempelanlage befunden haben muss.


Die aus dem östlichen Mittelmeer stammenden Phönizier (Punier) haben die Insel Pantelleria wahrscheinlich schon früh besiedelt. Auf der Suche nach Bodenschätzen wie Silber und Zinn erreichten sie Sardinien, die Toskana und das südliche Spanien. Nach der Gründung Karthagos im heutigen Tunesien im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts v. Chr. war Pantelleria ein wichtiger Stützpunkt des karthagischen Seereiches, eine Art Vorposten der nordafrikanischen Metropole Karthago. Im 5. Jahrhundert v. Chr. umfasste der Machtbereich Karthagos die Küstengebiete Nordafrikas, das südliche Spanien, den Westteil Siziliens sowie Sardinien und Malta. "Der Hügel in Hafennähe, den wir untersucht haben, war ein logischer Punkt für die Besiedlung, weil von dort aus Feinde, die sich der Insel näherten, gut sichtbar waren", sagt Thomas Schäfer. Allerdings haben die Archäologen wenig Hoffnung, auf der Spitze des Hügels noch Spuren der Phönizier zu finden, weil seine Kuppe völlig erodiert ist.

Im 3. Jahrhundert v. Chr. kam es auf Pantelleria zum Zusammenstoß zwischen Karthagern und Römern. Die Römer haben Pantelleria, das sie Cossyra nannten, 255 v. Chr. im Ersten Punischen Krieg (264 - 241 v. Chr.) auf ihrem Weg nach Karthago eingenommen. "Das wissen wir aus antiken Berichten. Eine Inschrift überliefert sogar, dass die Römer 251 v. Chr. einen Triumph über die Leute von Cossyra gefeiert haben", erklärt Schäfer. Kurz danach haben die Karthager die Insel jedoch zurückerobert. Erst 217 v. Chr. wurde Cossyra endgültig von den Römern eingenommen und die Insel der ersten römischen Provinz Sizilien angegliedert. Als der karthagische Feldherr Hannibal im Zweiten Punischen Krieg (218 - 201 v. Chr.) mit seinem Heer in Italien stand und Rom bedrohte, wurden von den Römern auf Pantelleria gewaltige Befestigungen angelegt. "Aus teilweise erhaltenen Inschriften wissen wir, dass Cossyra jetzt ein 'Municipium' war, das heißt, eine richtige Stadt mit einer eignen Verwaltung", berichtet Schäfer. Nach dem Dritten Punischen Krieg (149 - 146 v. Chr.) beherrschten die Römer das westliche Mittelmeer. Karthago war zerstört und das Gebiet um die ehemalige Metropole wurde zur römischen Provinz Africa.

Die Tübinger Forscher bezeichnen den schon seit der Antike in Terrassen gegliederten Siedlungshügel nahe des Hafens auf Pantelleria als Akropolis. "Das heißt so viel wie hoch gelegene Stadt. Wir wussten jedoch zunächst nicht, ob es eine reine Wohnsiedlung oder ein religiöses Zentrum war", erklärt Schäfer. Verschiedene Funde wie architektonische Elemente - beispielsweise Kapitelle und Säulenteile - hatten die Forscher schon früher vermuten lassen, dass oben auf der Akropolis ein Tempel stand. Dafür spreche auch die Größe der Zisternen, die an der Spitze der Akropolis bis zu 100 Kubikmeter Wasser fassten, sagt Schäfer, sie seien zu groß für einen Privathaushalt.

Im Jahr 2003 hatten die Forscher in den Zisternen drei perfekt erhaltene Statuenköpfe von Julius Caesar, Antonia Minor und Kaiser Titus entdeckt, die in einer Ausstellung im Schloss Hohentübingen im Februar bis April 2004 zu sehen waren. Nach den Ausgrabungen 2005 lässt sich nun nachweisen, dass sich auf der Spitze des Hügels in früheren Zeiten eine römische Tempelanlage befunden haben muss. "Dieser Bautyp, bei dem das Gebäude auf einem zwei bis drei Meter hohen Unterbau errichtet wurde, lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass dort ein römischer Podiumstempel stand", erklärt Schäfer. "Auch die Architekturglieder gehörten eindeutig zu einer Tempeldekoration. Der große Reliefkopf einer behelmten Frau könnte Teil des Giebelreliefs gewesen sein."

Die Römer hatten die Karthager mit der mächtigen Befestigungsanlage auf Pantelleria beeindrucken wollen, als Hannibal vor der Tür stand, vermutet Thomas Schäfer: "Der Tempel obendrauf ist ebenfalls eine Demonstration von römischer Überlegenheit, diesmal auf religiösem Gebiet." Auf den Siedlungshügel führt ein antiker Weg in Serpentinen, der sich oben zu einem monumentalen Aufgang verbreitert. "Nun hat sich mit einem Mal die Bebauungsstruktur geklärt, denn dieser Weg endet genau an der Stelle, wo nach unseren neuen Erkenntnissen der Tempel gestanden hat", sagt Schäfer. Die Forscher können jetzt auch die Statuenköpfe besser einordnen: Sie waren Teile einer Statuengalerie, die die iulisch-claudische und die flavische Kaiserfamilie vereinigte. Eine solche Galerie dürfte nach Einschätzung der Archäologen jedes einigermaßen bedeutende Gemeinwesen in Italien und in den Provinzen des Römischen Reiches besessen haben. "Der Tempel oder sein Vorplatz waren sicherlich ein repräsentativer Aufstellungsort für die Statuen", sagt Schäfer.

Unterhalb des Tempels gab es Wohnhäuser, Straßen, Geschäfte, eine ganz normale Stadt. Die Archäologen haben durch Ausgrabungen und Begehungen bereits ein Bild von der Struktur der Siedlung. Einige der Wohnhäuser wurden genauer untersucht. "Sie repräsentieren das römische Normalhaus. In der Mitte lag ein Atrium, ein Innenhof mit vier Säulen an den Ecken, in dem der Niederschlag gesammelt wurde", erklärt Schäfer. Die Zisternen, in die das aufgefangene Wasser geleitet wurde, lagen unterhalb der Häuser. Auf ein Badezimmer, typischerweise mit Sitzbadewanne, wollten die Bewohner offensichtlich selbst auf der süßwasserarmen Insel Pantelleria nicht verzichten. Die Zisternen haben auch das Interesse weiterer Forscher erregt: Karlsruher Wissenschaftler vom Helmholtz-Institut für Bauchemie unter Leitung von Prof. Andreas Gerdes hatten sich gewundert, dass die Zisternen teilweise noch nach 2000 Jahren wasserdicht sind. Sie wollen nun in einer neuen Zusammenarbeit die verwendeten Materialien sowie die Verarbeitung genauer unter die Lupe nehmen. (6987 Zeichen)

Nähere Informationen:

Prof. Thomas Schäfer, Tel. 0 70 71/2 97 23 78, E-Mail thomas.schaefer@uni-tuebingen.de
Dr. Ingrid Laube, Tel. 0 70 71/2 97 43 67, E-Mail ingrid.laube@uni-tuebingen.de
Institut für Klassische Archäologie
Schloss
72070 Tübingen
Fax 0 70 71/29 57 78

Der Pressedienst im Internet: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html. Unter dieser Adresse sind auch Bilder zu finden, die die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auf Anforderung in Druckauflösung zusenden kann.


Michael Seifert, Eberhard Karls Universität Tübingen
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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