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Private Universität Witten/Herdecke gGmbH, 21.08.06

"Ich bin doch katholisch"

"Forschungsoffensive", Teil 7: Wittener Forschungsprojekt untersucht die Rolle des Glaubens in der östlichen und westlichen Medizin

Doppelbild Heilung eines Knaben und Abreise des Hl. Bernhard. Fresco von Johann Baptist von Schraudolph
Quelle: Domkapitel Speyer, Foto: Andrea Enderlein

Glaube kann, so heißt es, Berge versetzen. Doch welche Wirkung hat der Glaube an eine wie auch immer geartete höhere Macht auf die Bewältigung von Krankheiten. Gehen gläubige Menschen anders mit einer Erkrankung um? Und hilft der Glaube auch bei der Heilung? Diese Fragen gehören zu einem Forschungsprojekt des Lehrstuhls für Medizintheorie und Komplementärmedizin der Universität Witten/Herdecke. Nach umfangreichen empirischen Erhebungen in Deutschland haben die Wissenschaftler nun ein interkulturelles Projekt über die Rolle des Glaubens in der östlichen und westlichen Medizin auf den Weg gebracht.


"Es gibt nach wie vor keine gesicherten Erkenntnisse darüber, dass Religiosität oder Spiritualität bei einer Krankheit tatsächlich zu einem längeren Überleben oder gar zu einer Heilung führen", sagt PD Dr. Arnd Büssing vom Wittener Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin. "Aber der Glaube kann sehr wohl von ausschlagender Bedeutung dafür sein, wie ein Patient mit seiner Krankheit umgeht und sein Leben mit oder trotz der Bedrohung gestaltet." Zusammen mit seinem Lehrstuhlkollegen Dr. Thomas Ostermann und dem Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Peter Matthiessen entwickelte Büssing einen Fragebogen zu Spiritualität und Krankheitsumgang, der auch im internationalen Kontext viel beachtet wurde.

Dieser Fragebogen wird jetzt auch bei palästinensischen Patienten muslimischen Glaubens eingesetzt. Kooperationspartner und federführend hierbei ist Dr. Wael Abu-Hassan von der Arab American University im palästinensischen Jenin. Der klinische Psychologe war noch im August zu einem Erfahrungsaustausch mit seinen deutschen Partnern an der Universität Witten/Herdecke. Das gemeinsame Forschungsprojekt, das nun in die Auswertungsphase tritt, wird vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) unterstützt. Ausgehend von der Grundfrage: Wie wirkt sich eine spirituelle und/oder religiöse Haltung auf die Krankheitsverarbeitung aus?, lässt sich schon jetzt sagen, dass der arabische und westeuropäische Kulturraum die Dimensionen von Krankheit und Heilung völlig verschieden bewerten - insbesondere, was die Rolle der Spiritualität angeht.

Die Unterschiede manifestieren sich bereits auf einer allgemeinen Ebene: Während sich eine Vielzahl von Deutschen durchaus als spirituell verstehen, antworten sie auf die Frage, ob sie religiös seien mit einem klaren Nein. Andere verneinen, dass sie überhaupt spirituell eingestellt seien: "Ich bin doch katholisch!" - Anders im Nahen Osten: Spiritualität und Religiosität sind hier kein Widerspruch, sondern bilden eine untrennbare Einheit. Arabische Patienten haben im Vergleich zu deutschen Patienten mit chronischen Erkrankungen eine signifikant höhere positive Krankheitsinterpretation. Sie suchen nach sinngebender Rückbindung, haben Vertrauen in eine höhere helfende Instanz und sind der Überzeugung, dass Spiritualität hilfreich in den Lebensbezügen und im Umgang mit Krankheit ist. Darüber hinaus sind die muslimischen Patienten davon überzeugt, dass man eine Krankheit (als gottgewollt) annehmen müsse - Einstellungen, die von deutschen Patienten durchweg abgelehnt werden.

Im westeuropäischen Kulturraum, so Arndt Büssing, wird eine schwere Erkrankung oftmals als ein lebensbedrohlicher Schaden angesehen, den es möglichst schnell zu "reparieren" gilt. Dieses mechanistische Weltbild wird verstärkt durch ein System der Gesundheitsfürsorge, in der medizinischer Forschritt meist nur in Kategorien des Technischen betrachtet und akzeptiert ist. Der Patient wird dadurch in eine passive Rolle gedrängt, verlässt sich auf Ärzte und Apparate, jedoch nicht auf seine ihm innewohnenden Kräfte zur Gesundwerdung. Die Konsequenz: Verantwortung für seine Krankheit wird von ihm an andere delegiert.

Schwere Erkrankungen gelten natürlich auch im Nahen Osten als Krise. Jedoch gehen die Menschen hier - auch vor ihrem spirituellen Hintergrund - offenbar aktiver mit ihrer Rolle als Gestalter ihres eigenen Heilungsprozesses um. "Sie sehen die Krankheit als Aufruf, ihr Leben zu ändern und als Chance, eine Dankbarkeit gegenüber dem eigenen Leben zu entfalten", so Wael Abu-Hassan. Sowohl die Bibel als auch der Koran ermutigen Kranke zu einer aktiven Haltung. Im christlichen Westen scheint dieser Impuls jedoch fast vollständig verschüttet, so die deutschen und palästinensischen Wissenschaftler. Im Herbst wollen sie die Auswertung abgeschlossen haben. Auch hier wird Neuland beschritten: Gemeinsam sollen die Ergebnisse in hochrangigen arabischen Zeitschriften publiziert werden, um so weitere Kooperationspartner für dieses Projekt zu gewinnen.

Kontakt: PD Dr. Arndt Büssing, Universität Witten/Herdecke,
Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin,
02330/62-3246, Arndt.buessing@uni-wh.de

Weitere Informationen:


Dr. Olaf Kaltenborn, Private Universität Witten/Herdecke gGmbH
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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