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Westfaelische Wilhelms-Universität Münster, 03.01.02

In der Posse den Intellektuellen wieder entdecken

Neue historisch-kritische Ausgabe von Johann Nepomuk Nestroy erschienen

Nestroy als "Knieriem" im "Lumpazivagabundus"

Vielseitig begabt, ein Mensch, der auf der und für die Bühne lebte, schüchtern und exhibitionistisch, ein scharfer Beobachter seiner Zeit, der heutzutage auf den Lustspieldichter reduziert wird - Johann Nepomuk Nestroy, dessen zweihundertster Geburtstag Anfang Dezember gefeiert wurde, ist nicht leicht zu fassen. Versucht hat es Prof. Dr. Jürgen Hein vom Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik der Universität Münster, der als einer der Herausgeber für die gerade abgeschlossene neue historisch-kritische Gesamtausgabe des österreichischen Dichters verantwortlich zeichnet.


Insgesamt über 50 Bände mit rund 20000 Seiten umfasst das Werk, das vor über 20 Jahren begonnen wurde und an dem ein internationales Team gearbeitet hat. Die Bearbeiter der einzelnen Bände kamen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Australien und England. In dieser Zusammensetzung spiegelt sich auch die Bedeutung Nestroys wider: Der Autor, heute vor allem bekannt durch seinen "Lumpazivagabundus", bediente sich zum einen ungeniert der Vorlagen aus aller Herren Länder für seine rund 80 Stücke, zum anderen ist er "eines der wichtigsten Glieder in einer Kette vom Hanswurst über die Zauberflöte bis hin zum modernen Theater", berichtet Prof. Hein.

Dürrenmatt berief sich auf ihn, Einflüsse auf Thornton Wilder, Dario Fo und Brecht sind deutlich nachzuweisen. "Mit seiner Sprachsatire, seinem parodierenden Umgang mit aktuellen modischen Themen ist er einer der wesentlichen Vertreter des intellektuellen Lachtheaters", rühmt ihn Hein, der vor wenigen Wochen wegen seiner Verdienste um die Nestroy-Forschung mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet wurde.

Und doch ist Nestroy auf heutigen Bühnen zum Possenautor hinabgewürdigt. Gespielt werden neben dem "Lumpazivagabundus" allenfalls noch "Der Talisman" oder "Einen Jux will er sich machen". "Entweder wird er derb-komisch inszeniert oder mit Biedermeier-madeln verniedlicht", ärgert sich Hein. Dabei würden die verschiedenen Sprachebenen, die Nestroy zur genauen Charakterisierung seiner Figuren und damit auch der gesellschaftlichen Verhältnisse einsetzte, verwischt und die Modernität seiner Stücke verleugnet.

Die historisch-kritische Ausgabe, die erste seit rund 80 Jahren, gewährt nun erstmals Einblick in die Entstehungsgeschichte des Nestroy'schen Werkes. Viele seiner Handschriften tauchten erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf, einige Stücke erschienen anonym und weisen zwar die Handschrift Nestroys auf, können ihm aber nicht sicher zugeschrieben werden. Die Ausgabe bietet in vielen Fällen das Originalmanuskript. Darüber hinaus berücksichtigten die Editoren auch Drucke, Rollen- und Zensurbücher. "Damit bekommen wir einen genauen Einblick in die Werkstatt eines Theatermachers", erläutert Hein.

Durch den Vergleich zwischen ursprünglicher Fassung, Zensurbuch und Bühnenfassung lässt sich beispielsweise erkennen, wo die scharfe Zensur Nestroy kastrierte und wo er sich selber zurücknahm. Was ihm übrigens nicht immer gelang: Wegen "Extemporierens", dem Improvisieren während der Aufführung, wurde er einige Male zu Arreststrafen verurteilt. Ergänzt werden die Fassungen der Stücke durch Erstaufführungskritiken, Theaterzettel, Illustrationen und vor allem die Partituren zu den Liedern, die seine Stücke zu Vorläufern der Operette machten.

Deutlich wird durch die historisch-kritische Ausgabe vor allem eins: Nestroy war ein Multi-Talent, der als Sänger beträchtliche Erfolge feierte - unter anderem als Sarastro in der "Zauberflöte" und als Leporello im "Don Giovanni" -, bevor er auch als Schauspieler reüssierte. Er wuchs immer mehr ins komische Rollenfach hinein. Hatte er noch 1826 in Graz 63 Opernpartien gesungen und 49 Sprechrollen gespielt, so hatte sich bereits 1830 das Verhältnis auf sieben zu 226 umgekehrt. Sein erstes Stück und einziges Trauerspiel "Prinz Friedrich von Korsika" hatte er 1827 begonnen, aufgeführt wurde es erst 20 Jahre später. Zum gefeierten Bühnenautor wurde er erst mit seinen Lustspielen in Wien, wo er später das Carltheater, das ehemalige Theater in der Leopoldstadt leitete. Bis zu fünf Stücke pro Jahr musste er abliefern, um das Publikum zu befriedigen, an rund 250 Tagen pro Jahr stand er auf der Bühne.

Weitere Informationen:


Brigitte Nussbaum, Westfaelische Wilhelms-Universität Münster
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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