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Universität zu Köln, 09.07.03

Vom Pickelhäring zum Satiriker

Aus einem derben, tölpelhaften Possenreißer entwickelte sich die Figur des Hanswurst im Wiener Volkstheater des 18. Jahrhunderts zu einer redegewandten witzigen Figur, die die absolutistische Hofkultur der Hauptfiguren satirisch infrage stellte. Solche eigenständigen und kritischen Hanswurstfiguren gewannen in ihrer Doppelfunktion als Bestandteil der Handlung und gleichzeitiger Betrachter von einer übergeordneten Position zentrale Bedeutung. Aber schon nach wenigen Jahrzehnten waren sie als Folge von Theaterreform und -zensur nicht länger erwünscht, so Dr. Eva-Maria Ernst in einer Studie am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln.

Vom Pickelhäring zum Satiriker
Hanswurstfiguren im Wiener Volkstheater

Aus einem derben, tölpelhaften Possenreißer entwickelte sich die Figur des Hanswurst im Wiener Volkstheater des 18. Jahrhunderts zu einer redegewandten witzigen Figur, die die absolutistische Hofkultur der Hauptfiguren satirisch infrage stellte. Solche eigenständigen und kritischen Hanswurstfiguren gewannen in ihrer Doppelfunktion als Bestandteil der Handlung und gleichzeitiger Betrachter von einer übergeordneten Position zentrale Bedeutung. Aber schon nach wenigen Jahrzehnten waren sie als Folge von Theaterreform und -zensur nicht länger erwünscht, so Dr. Eva-Maria Ernst in einer Studie am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln.


Der "Pickelhäring" ist eine Bauerntölpel-Figur, die auf den mittelalterlichen englischen Wanderbühnen Sprachbarrieren der deutschsprachigen Zuschauer überwinden half und Pausen füllte. In seiner Geilheit, Faulheit, Gier und seiner blamablen Unkenntnis höfischer Sitten bildet er einen komischen Kontrast zu den ernsten Charakteren. Eine solche Figur fand bei den Wiener Hoftheater-Aufführungen in der Zeit des Absolutismus zunächst keinen Platz. Denn die widmeten sich allein der bewundernden Darstellung der idealisierten Tugendwelt des Herrschers und seines Hofes. Theater war dort vor allem ein Instrument der kaiserlichen Selbstdarstellung.

Als mit der Aufklärung höfischer Luxus sogar von Kaisern wie Karl VI. kritisiert wurde, entwickelte sich der Hanswurst schrittweise zu einer bewusst-komischen Figur, die den Anachronismus der Hofkultur entlarvt. Ab 1700 treten Hanswurste auf, die das höfische Zeremoniell nachäffen, höfische Liebeswerbung und Heldenverehrung lächerlich machen, durch ihre Kommentare fast jede Szene stören und es den Zuschauern erschweren, z.B. romantische oder bedrohliche Szenen ernst zu nehmen. Die ernsten Figuren lassen sich gelegentlich auch auf die Ebene des Hanswurst ein und parodieren sich so selbst. Hanswurst, der Diener, ist auch nicht mehr automatisch auf die Außenseiterrolle unter blaublütigen Hauptfiguren beschränkt, denn es gibt zunehmend auch Figuren aus dem bürgerlichen Milieu in den Stücken. So kann der Spaßmacher in vielfältigen Varianten eine zentrale Position einnehmen.

Diese Blütezeit der zentralen burlesken Figur um 1750 war ein Sonderfall innerhalb der deutschen Theaterlandschaft, die sich durch den in Wien verspäteten Beginn der aufklärerischen Diskussion um die didaktische Wirkung des Theaters erklärt. Seit 1770 gab es auch in Wien eine verstärkte Theaterzensur. Das Drama und Theater sollten, ähnlich den Bestrebungen im mittel- und norddeutschen Raum, nunmehr zur Bildung und Erziehung der Bürger beitragen. Die aggressiven und kritische Hanswurste verschwanden aus den Wiener Theatern. Die komische Figur wurde entweder zum Moralisten, der die Handlung didaktisch kommentiert, zur kindlichen, naiven Figur, deren Späße streng von der Haupthandlung getrennt sind, oder gar zur negativen Kontrastfigur, die die Vorbildlichkeit der Haupthelden unterstreicht.

Eine letzte Variante des eigenständigen und kritischen Hanswurst (vor der Wiederbelebung der kritischen Tradition durch Nestroy) war der bekannte Papageno aus Mozarts "Zauberflöte". Er verkörpert die Skepsis gegenüber den Reformen der Aufklärung. Er ist eine selbstständige Figur, nicht einmal eindeutig ein Diener, und findet einen alternativen Weg zum Glück, der der inneren Entwicklung des Prinzen hin zum Anhänger des aufgeklärten Monarchen Sarastro gleichwertig gegenübersteht.

Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

Für Rückfragen steht Ihnen Professor Walter Pape unter der Telefonnummer (0221)470-2444, der Fax-Nummer (0221)470-5107 und der Emailadresse w.pape@uni-koeln.de zur Verfügung.

Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web
(http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html).
Für die Übersendung eines Belegexemplars wären wir Ihnen dankbar.


Gabriele Rutzen, Universität zu Köln
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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