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Technische Universität Chemnitz, 30.07.01

Per Mausklick ins "entstaubte" Empire

Per Mausklick ins "entstaubte" Empire
Schriften aus mehreren Jahrhunderten britischer Kulturgeschichte stehen nun im Internet

Josef Schmied, Professor für englische Sprachwissenschaft an der TU Chemnitz, staunte nicht schlecht, als er vor zehn Jahren an das kleine walisische Colleg in Lampeter kam. Dort entdeckte er in einer alten Bibliothek eine umfassende Sammlung so genannter Traktate. Dies sind religiöse und politische Schriften aus dem 17. und 18. Jahrhundert. "Viele Schriften und Bücher schlummerten hier kaum genutzt vor sich hin und hatten schon mächtig viel Staub angelegt", erinnert sich der Anglist. Dies weckte sofort seine Leidenschaft: "Die Texte aus der wohl wichtigsten Entwicklungsperiode in der englischen Sprache und Kultur sollten unbedingt der internationalen Fachwelt zugänglich gemacht werden". Heute kann die ganze Welt dank eines internationalen Forscherteams auf diese Schriften zugreifen. Der repräsentative Ausschnitt der Originaltexte des "Lampeter-Korpus" ist über das Internet zugänglich: http://www.tu-chemnitz.de/lampeter . Die Texte des "Lampeter-Korpus" können aber auch als CD angefordert werden.


Die Sammlung umfasst Originaldokumente aus den Kulturbereichen Religion, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Recht. Für jede Dekade zwischen 1640 und 1740, der Blütezeit der Traktate, wurden von den Wissenschaftlern zwei Texte pro Bereich ausgewählt. Insgesamt sind es 120 Originaltexte mit über 1,1 Millionen Wörtern. Die Texte umfassen im Gegensatz zu anderen Sammlungen nicht nur Ausschnitte, sondern jeweils das gesamte Traktat, einschließlich Titelseitenangaben und Widmung. Sie schwanken in der Länge zwischen etwa 3.400 und 24.000 Wörtern.

Stilistisch und inhaltlich decken sie ein erstaunliches Spektrum ab, denn Traktate waren im 17. und 18. Jahrhundert nicht nur politische Streitschriften. Das "Lampeter-Korpus" enthält News im weitesten Sinne: Predigten, Berichte über Erfindungen und Handelsreisen, einen politischen Schauprozess und einen Vorschlag zur Finanzierung der Universitäten durch eine frühe Form des Sponsoring. "Sie sind ein Spiegelbild der britischen Gesellschaft in einer entscheidenden soziokulturellen Entwicklungsphase, in der die Grundlagen gelegt wurden für so typisch Britisches wie das erste Empire, das Westminstersystem der Demokratie und die Bank von England", berichtet Prof. Schmied. Das "Lampeter-Korpus" sei damit nicht nur eine wahre Fundgrube für Sprach- und Kunstwissenschaftler. "In seiner modernen Form, im Internet oder auf CD, mit neuen Suchwerkzeugen und neuen quantitativen Vergleichen, bringt das ´Lampeter-Korpus´ Kultur, Sprache und Technik zu einer neuen Philologie zusammen, die damit nicht mehr nur eine Buchwissenschaft, sondern eine Medienwissenschaft ist", meint der Chemnitzer Anglist.

Dank der Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft des Deutschen Akademischen Austauschdienstes erhielt das Projekt auch auf Arbeitsebene eine internationale Dimension: Acht Forscher sowie zwölf Studenten und Doktoranden aus vier Nationen waren beteiligt. Dazu Prof. Schmied: "Die Texte kamen aus Lampeter in Wales, die computergestützten Analysewerkzeuge wurden mit Hilfe von Kollegen aus Lancaster in England entwickelt, die soziokulturellen Hintergrundrecherchen mit Forschern aus Helsinki in Finnland, statistische Vergleiche mit Kollegen aus Uppsala in Schweden, und die Aufbereitung für das Internet gelang mit Hilfe eines Kollegen vom Oxford Text Archive. Leider sind nach Abschluss des Projekts auch die Projektmitarbeiter durch interessante neue Aufgaben in Wirtschaft und Wissenschaft weit verstreut, in Aachen und in Greifswald, in Bangor und in Sheffield." Zurück bleiben die Internetseiten mit zahlreichen Links in alle Welt.

Weitere Informationen: TU Chemnitz, Professur Englische Sprachwissenschaft, Prof. Dr. Josef Schmied, Tel. ( 03 71 ) 5 31 - 42 26, - 42 53, E-Mail josef.schmied@phil.tu-chemnitz.de .

Weitere Informationen:


Dipl.-Ing. Mario Steinebach, Technische Universität Chemnitz
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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