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Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 26.02.04

Ost meets West

Im Projekt "Lokale politisch-administrative Eliten" werden im Zeitraum von 12 Jahren politische und administrative Funktionsträger in Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen zu ihrem Karriere- und Lebensverlauf befragt sowie Bürger zu ihrem politischen Selbstverständnis und zu kommunaler Politik und Verwaltung interviewt. Erhebungen werden in den Städten Köln, Halle, Jülich, Dessau und im Oberbergischen- und im Saalkreis durchgeführt.

Ziel ist es, Besonderheiten und Ähnlichkeiten in den Karrieremustern ostdeutscher und westdeutscher Kommunalpolitiker sowie von Kommunalbeamten auf Zeit zu erforschen. Dabei interessieren zum einen die Auswirkungen des Institutionenwandels auf die politischen Akteure, zum anderen die Resonanzen der jeweiligen Lokalbevölkerung auf die kommunale Politik und Verwaltung sowie ihr Verhältnis zu den lokalen Mandats- und Funktionsträgern.

Nicht nur wegen der vergleichenden Perspektive zwischen alten und neuen Bundesländern, sondern vor allem wegen der Konzentration auf die lokale Ebene und der Befragung der Bevölkerung, kommt dem Projekt besondere Bedeutung zu: vergleichbare Studien auf diesem Gebiet liegen bisher nicht vor.
Nach dem Abschluss einer ersten Befragungswelle, in der über 2000 Bürger und 138 Mandats- und Funktionsträger interviewt wurden, können bereits einige bemerkenswerte Ergebnisse präsentiert werden. Auffällig ist, dass sich Karrieremuster und -verläufe in Ost- und Westdeutschland in einigen Bereichen angepasst haben, in anderen jedoch entgegen gesetzte Entwicklungen aufweisen. So ging der hohe Anteil von Naturwissenschaftlern, Medizinern und Technikern in den Lokaleliten in Ostdeutschland stark zurück. Ihr hoher Anteil war in den ersten Jahren nach der Wende mit der Rekrutierung aus den DDR-Bürgerbewegungen zu erklären. Gleichzeitig nahm der Anteil aus technischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Berufen stammenden Lokaleliten in westdeutschen Kommunen jedoch zu. Hier bewegen sich also Karrieremuster in Ost und West aufeinander zu. Bildungsniveau, soziale und politische Herkunft sind in Ost und West bereits nahezu angeglichen.
Eindeutig angepasst haben sich ostdeutsche Karrieremuster an das Westniveau beim Auswahlkriterium Parteimitgliedschaft. Während die Parteimitgliedschaft in Ostdeutschland nach der Wende zur Auswahl für eine hohe Position unbedeutend war, kommt ihr heute auch dort ein hoher Stellenwert zu.
Ein vor allem in Westdeutschland herrschendes Vorurteil wird durch die Studie eindrucksvoll widerlegt: Die ostdeutsche Bevölkerung misst den demokratischen Institutionen wie Meinungsfreiheit oder der Existenz einer politisch-parlamentarischen Opposition einen ebenso hohen Stellenwert bei wie die westdeutsche Lokalbevölkerung.
Allerdings beurteilen die Bürger in den ostdeutschen Kommunen ihre lokale politische Elite wesentlich negativer als im Westen. Ostdeutsche Kommunalpolitiker sind gleichzeitig jedoch stärker als ihre Westkollegen davon überzeugt, den Wünschen ihrer Wähler zu entsprechen. Offensichtlich führt geringer lokalpolitischer Handlungsspielraum angesichts knapper Kassen im Osten zu größerer Wählerunzufriedenheit als im Westen. Inwiefern die dazu im Widerspruch stehende positive Selbstwahrnehmung ostdeutscher Kommunalpolitiker auf die Wiederholung von Delegitimationserfahrungen politischer Klassen in Ostdeutschland hinweist, bleibt weiteren Untersuchungen und Analysen vorbehalten.

Erst die auf Langfristigkeit angelegten Erhebungen unter der Bevölkerung und ihren lokalen politisch-administrativen Eliten werden verlässliche Auskunft über die Beurteilung der bundesrepublikanischen Demokratie, ihrer Institutionen und deren Wandel geben können.

Kontakt:
Dr. Stefan Paul Werum
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Soziologie
Sonderforschungsbereich 580 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (SFB 580): "Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch. Diskontinuität, Tradition und Strukturbildung"

Teilprojekt A 4:
"Lokale politisch-administrative Eliten - Lebensverläufe zwischen Ungewissheit, Professionalisierung und Legitimation"
Emil-Abderhalden-Straße 7
06108 Halle (Saale)
Tel.: 0345 5524263
Fax: 0345 5527150
E-Mail: werum@soziologie.uni-halle.de
Im Internet: http://www.sfb580.uni-halle.de

Weitere Informationen:


Ingrid Godenrath, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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