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Universität Bremen, 05.02.04

Online-Lernen für die Zeit nach dem Knast

EU-Projekt "e-Learning im Strafvollzug" wird auf der LearnTec 2004 vorgestellt

Eine Vielzahl von Straftätern wird nach der Haftentlassung wieder rückfällig: für die Knackis ein Teufelskreis, für die Gesellschaft unzumutbar. Was ist zu tun? Eine wesentliche Bedingung für die erfolgreiche Resozialisierung von Straftätern ist die berufliche Perspektive. Es ist wissenschaftlich belegt, dass das Rückfallrisiko erheblich sinkt, wenn der Straftäter nach der Entlassung aus der Haft einen Arbeitsplatz findet. Das ist nicht einfach. Doch der Einsatz neuer Medien, insbesondere des computergestützten Lernens, wird nach Ansicht aller Experten die Chancen der Strafgefangenen auf einen Arbeitsplatz nach dem Knast deutlich verbessern. Genau da setzt das EU-Projekt "e-Learning im Strafvollzug" (e-LiS) an. Lernen, Aus- und Weiterbildung für Strafgefangene sollen flexibler und effizienter werden und auf die tatsächlichen Anforderungen des modernen Arbeitsmarktes vorbereiten.


Sechs Bundesländer beteiligen sich an "e-LiS": Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Federführend sind dabei verschiedene Bildungseinrichtungen und Forschungsinstitute wie die Universität Bremen, das bfw (Berufsfortbildungswerk des DGB) das IBI (Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft an der TU Berlin) sowie das FrauenComputerZentrum Berlin. Weitere Bundesländer haben Interesse angemeldet. Darüber hinaus kooperiert das Projekt mit Partnern in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich, Portugal und Spanien. Projektleiter in Bremen ist Professor Jürgen Friedrich aus dem Studiengang Informatik der Universität. Er und sein Team werden auf der LearnTec 2004 am 12. und 13. Februar in Karlsruhe die Bildungsplattform für den Strafvollzug auf dem Gemeinschaftsstand der Europäischen Union erstmals der Öffentlichkeit vorstellen. Die LearnTec ist die wichtigste europäische Fachmesse für Bildungs- und Informationstechnologie.
In den deutschen Strafanstalten haben neue Unterrichtsmethoden bisher nur an wenigen Standorten Einzug gehalten. Es überwiegt die Ausbildung der Strafgefangenen in traditionellen Berufen wie Tischler, Maurer, Maler und ähnliches. Und auch die schulische Ausbildung ist häufig aufgrund des völlig unterschiedlichen Bildungsstandes der Strafgefangenen nur unter schwierigen Bedingungen möglich: Vielen Strafgefangenen fehlen elementare Grundlagen des Lesens und Schreibens, ein wesentlicher Anteil verfügt weder über einen Schulabschluss noch über eine Berufsausbildung. Dieser Mangel an Schulbildung, an beruflichen und sozialen Kompetenzen führt zu einer fast aussichtslosen Vermittlungslage am Arbeitsmarkt. Ein weiterer Minuspunkt: Den Haftentlassenen fehlt es an Computer-Basiswissen. Dieses ist jedoch inzwischen in nahezu jedem Berufsfeld erforderlich. Deshalb setzt 'e-LiS' auf e-Learning. Mit der Möglichkeit des weitgehend zeitunabhängigen selbstgesteuerten Lernens und speziell auf die Fähigkeiten und Vorkenntnisse der Strafgefangenen abgestimmten Unterrichtsinhalten bietet e-Learning insbesondere für diese heterogene Zielgruppe optimale Voraussetzungen.
Den Kern des e-Lis-Projektes bildet eine an der Universität Bremen eingerichtete e-Learning-Plattform, die ab der zweiten Jahreshälfte 2004 die Haftanstalten der beteiligten Länder vernetzen und den Häftlingen Weiterbildungsangebote entsprechend ihren individuellen Fähigkeiten bieten wird. Vermittelt werden soziale Kompetenzen und allgemein bildende Lerninhalte bis hin zu beruflichen Aus- und Weiterbildungsthemen. Der Aufbau der Lerninhalte ist modular, damit auch Strafgefangene mit kurzen Haftzeiten am Unterricht teilnehmen und entsprechende Nachweise und Zeugnisse erhalten können. Eine der Herausforderungen des Projektes besteht dabei darin, die unbegrenzten Möglichkeiten des Internet mit den Sicherheitsanforderungen des Strafvollzuges in Einklang zu bringen und damit einem möglichen Missbrauch der 'virtuellen Freiheit' durch die Strafgefangenen vorzubeugen.
Auch die Mitarbeiter und Angestellten im Justizvollzug profitieren von 'e-LiS': Auf dem Server werden für sie fachspezifische Informations-, Weiterbildungsangebote und Kommunikationsmöglichkeiten angeboten. In einem späteren Projektstadium können Haftanstalten der beteiligten europäischen Länder auf die Plattform und Lehrmaterial in der jeweiligen Muttersprache der Strafgefangenen zugreifen.
'e-LiS' wird durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert.

Weitere Informationen:

Universität Bremen
Fachbereich Mathematik / Informatik
Prof. Dr. Jürgen Friedrich
Bibliothekstr. 1
28359 Bremen
Tel. 0421-218 3395
Fax 0421-218 3308
Email: friedrich@informatik.uni-bremen.de


Kai Uwe Bohn, Universität Bremen
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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