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Ruhr-Universität Bochum, 31.05.06

NRW-weite Erhebung zur religiösen Vielfalt - mit Internetpräsenz

Einfach den Straßennamen eingeben - und eine interaktive Karte gibt Auskunft über die religiösen Gemeinschaften in der unmittelbaren Nachbarschaft. Die Internetpräsenz ist ein Produkt der weltweit ersten Studie, die religiöse Gemeinschaften und ihre Mitglieder am Beispiel Nordrhein-Westfalens flächendeckend erfasst, auswertet und dokumentiert. Das Forschungsprojekt "Religiöse Vielfalt in Nordrhein-Westfalen" (Leitung: Prof. Dr. Volkhard Krech, Lehrstuhl für Religionswissenschaft der RUB), gefördert durch das NRW-Wissenschaftsministerium, ergab zudem eine zunehmende Pluralisierung: Immer mehr religiöse Gemeinschaften stehen einer eher abnehmenden Mitgliederzahl gegenüber.

Bochum, 31.05.2006
Nr. 190

Was glaubt Nordrhein-Westfalen?
Religionsgemeinschaften nehmen zu, deren Mitglieder ab
NRW-weite Erhebung zur religiösen Vielfalt - mit Internetpräsenz

Einfach den Straßennamen eingeben - und eine interaktive Karte gibt Auskunft über die religiösen Gemeinschaften in der unmittelbaren Nachbarschaft. Die Internetpräsenz ist ein Produkt der weltweit ersten Studie, die religiöse Gemeinschaften und ihre Mitglieder am Beispiel Nordrhein-Westfalens flächendeckend erfasst, auswertet und dokumentiert. Das Forschungsprojekt "Religiöse Vielfalt in Nordrhein-Westfalen" (Leitung: Prof. Dr. Volkhard Krech, Lehrstuhl für Religionswissenschaft der RUB), gefördert durch das NRW-Wissenschaftsministerium, ergab zudem eine zunehmende Pluralisierung: Immer mehr religiöse Gemeinschaften stehen einer eher abnehmenden Mitgliederzahl gegenüber.


Die neue "Konfession der Indifferenten"

Über 75 Prozent der Bevölkerung gehören einer Religionsgemeinschaft an: Das Spektrum reicht von den beiden christlichen Großkirchen über islamische Verbände und Moscheevereine, kleine christliche Gemeinschaften, Orthodoxe Kirchen, das Judentum bis hin zu östlichen Religionen, neureligiösen Strömungen und zur Esoterikszene. Bekennende Atheisten werden zunehmend durch die neue "Konfession der Indifferenten" abgelöst. 230 religiöse Gemeinschaften und Strömungen sind landesweit auf etwa 7 000 Gemeinden oder Ortsgruppen verteilt.

NRW nach Bayern das katholischste Land

Mit 42 Prozent Katholiken und 28 Prozent Protestanten ist NRW im Vergleich zur gesamten Bundesrepublik ein überdurchschnittlich stark katholisch geprägtes Land. Von den ca. 1.000.000 in NRW lebenden Muslimen ist die Hälfte in Moscheegemeinden engagiert. Kleine protestantische Gemeinschaften ziehen etwas über ein Prozent der Bevölkerung an, Orthodoxe Kirchen binden 0,5 Prozent der Wohnbevölkerung, in jüdischen Gemeinden sind etwa 0,2 Prozent, in den östlichen und neuen Religionen sowie im "esoterischen" Sektor engagieren sich etwa 0,5 Prozent.

Ballungsgebiete: stärkste Pluralisierung

Die stärkste Pluralisierung tritt in den Ballungsgebieten auf, etwa im Ruhrgebiet und entlang der Rheinschiene. Ländliche Gegenden konfessionell eher homogen geprägt - so das katholische Sauer- und Münsterland und das protestantische Ostwestfalen. In NRW gehören 25 Prozent der Bevölkerung keiner religiösen Gemeinschaft an, wobei die Zahl je nach Region zwischen 35,5 Prozent (Düsseldorf) und 9 Prozent (Hochsauerlandkreis) variiert. Kleine protestantische Gemeinschaften sind nicht sehr ausgeprägt, doch sie binden ihre Mitglieder besonders stark und treten nicht selten öffentlichkeitswirksam auf (Schulverweigerer unter russlanddeutschen Evangeliumschristen-Baptisten, Errichtung eigener Schulen).

Religion als Identitätsfaktor für Zuwanderer

Religiöse Vielfalt resultiert in hohem Maße aus der Migration - im Islam ebenso wie in den Migrantengemeinden der christlichen Großkirchen und eigenständigen Migrationskirchen, in den orthodoxen Kirchen, in den jüdischen Gemeinden mit den Zuwanderern aus Osteuropa und in den östlichen Religionen (etwa den Hindu-Tamilen aus Sri Lanka und den vietnamesischen Flüchtlingen buddhistischen Glaubens). Von den Zuwanderern und Aussiedlern engagieren sich rund 43 Prozent in religiösen Organisationen und damit mehr als doppelt so viel wie in den beiden christlichen Großkirchen.

Religion als Integrations- und Konfliktfaktor

Religionen können integrieren, aber auch Konflikte auslösen. Die meisten islamischen Verbände sorgen für gesellschaftliche Partizipation der Muslime aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern. Desintegrationstendenzen sind nur in wenigen Strömungen zu vernehmen. Religion kann aber zur gesellschaftlichen Segmentierung motivieren. Ein politisch brisantes Beispiel sind die russlanddeutschen Protestanten in Ostwestfalen, die etwa in Detmold und Minden parallelgesellschaftliche Strukturen ausbilden und sich stärker als Muslime des Rechtssystems zur Durchsetzung ihrer Ziele bedienen. Insgesamt ist die Häufigkeit der religionsrechtlichen Konflikte an den Verwaltungsgerichten in den Jahren 2000-2005 im Vergleich zum Zeitraum 1985-1999 stark angestiegen.

Weitere Forschung

In den kommenden Wochen und Monaten wird das umfangreiche Datenmaterial qualitativ ausgewertet, dabei stehen im Mittelpunkt: Studien zu Integrations- und Konfliktfeldern, etwa die Rolle religiöser Organisationen bei der gesellschaftlichen Partizipation von Zuwanderern und Aussiedlern; russlanddeutsche Milieus, biographische Kombination verschiedener religiöser Traditionen oder die Rolle nichtorganisierter Muslime. Daneben sind ein Datenatlas als Printmedium und eine Interaktive CD geplant).

Internetpräsenz

Die zentralen religionsstatistischen Daten und weitergehende Informationen sind abrufbar unter http://www.religion-plural.org: Erhobene Gruppen, Mitgliederzahlen und religionskundliche Basisinformationen; Schaubilder zur quantitativen und qualitativen regionalen Verteilung von religiösen Gemeinschaften, eine interaktive Karte, die in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik erstellt wurde.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Volkhard Krech, Lehrstuhl für Religionswissenschaft Ruhr-Universität Bochum, Universitätsstraße 150, 44801 Bochum, Tel.: 0234/32-22272, http://www.religionsforschung.de, E-Mail: religionswissenschaft@rub.de

Weitere Informationen:


Dr. Josef König, Ruhr-Universität Bochum
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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