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Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 16.11.01

Malerei als Augenschmaus

Wer hat "guten Geschmack"? Das ist heute kaum noch eindeutig zu beantworten. Fragt man dann, wann und wo der "gute Geschmack" aufkommt, werden viele ins Grübeln kommen. Und möchte man schließlich noch wissen, was der "gute Geschmack" mit der Barockmalerei zu tun hat, dann bricht völlige Ratlosigkeit aus. Der "gute Geschmack", so lautet das Ergebnis der neuen Studie von Roland Kanz, ist eine Erfindung der Barockzeit, und die Malerei spielt dabei eine Hauptrolle. Es geht um die Wahrnehmung von Pracht, um die sinnesphysischen Sensationen, deren Stimulation von Kunstwerken ausgehen kann, und um die Begriffsbildung einer ästhetischen Urteilskategorie, die wir immer noch ebenso verteidigen wie verabscheuen, weil sie wie selbstverständlich Teil unserer Modernität geworden ist.


Bezeichnet man Werke der Malerei als Augenschmaus, so bewegt man sich im Reich der Metaphern. Prachtschinken, Bilderhunger oder Farbendurst sind solche Metaphern, die allesamt bekunden, daß Gemälde ein sinnliches Vergnügen bereiten. So manches barocke Gemälde dürfte man noch heute gerne mit den Augen verschlingen wollen. Dass dabei "guter Geschmack" nötig ist, formulierte in der Zeit um 1600 erstmals der italienische Künstler und Akademiker Federico Zuccari.
Zuccari schuf eine Kunstdefinition sehr bildhafter Art: Ein Gemälde ist wie ein Festmahl. Je größer ein Fest ist, desto komplexer wird seine Organisation. Ebenso verhält es sich mit der Malerei: je komplexer ein Gemälde ist, desto mehr Könnerschaft erfordert es. Zum Gelingen eines Festmahls gehörten im Barock ein virtuoser Koch, ein umsichtiger Truchsess und ein kundiger Mundschenk. Entsprechend verlangt ein komplexes Gemälde vom Künstler eine sichere Urteilskraft, einen guten Verstand und ein geistreiches Ingenium. So wie aber bei einem Festmahl nicht die Küchenspezialisten die Zielgruppe aller Bemühungen sind, sondern die Gäste, so sind es für die Kunst die Auftraggeber und Betrachter. Das Urteil wird jeweils durch den "guten Geschmack" gefällt.

War der "gute Geschmack" im Barock eine Sache der Hofkultur, so bahnt er sich in der bürgerlichen Ästhetik einen Mittelweg. Das Gegenteil des neuen guten Geschmacks ist seither nicht mehr der schlechte Geschmack, sondern keinen Geschmack zu haben.

Im dritten Band der "Düsseldorfer Kunsthistorischen Schriften", herausgegeben vom Kreis der Freunde des Seminars für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, schildert der Autor die Erfindung und die Krise, man könnte auch sagen: den Aufstieg und den Fall des "guten Geschmacks" anhand zahlreicher "geschmackvoller" Bilder als einen zentralen Aspekt in der Wahrnehmungsgeschichte des Barockzeitalters.

Der Autor, Roland Kanz, lange Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter von Prof. Dr. Hans Körner am Seminar für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, folgte nach seiner Habilitation zunächst einem Ruf an die Universität Köln. Inzwischen lehrt er an der Technischen Universität Berlin. Nachfragen bitte an die Pressestelle der Heinrich-Heine-Universität: 0211-8113253

Düsseldorfer Kunsthistorische Schriften, Band 3:
Roland Kanz, Malerei als Augenschmaus. Der "gute Geschmack" und die Allianz der Sinne in der Kunst des Barock
Preis: DM 19,80 / Euro 9,90 - ISBN 3-9807307-1-9


Dr. Victoria Meinschäfer, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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