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Universität Siegen, 19.04.99

Was leisten unsere Schulen?

Siegener Erziehungswissenschaftler veröffentlichen Sammelband zur Qualitässicherung und Evaluationsverfahren an Schulen.

Daß in der Schule nicht für die Schule, sondern für das Leben gelernt und gelehrt werden soll, ist eine Binsenweisheit so alt wie die Schule selbst. Daß Schule als Institution sich in rapide wandelnden Zeiten immer wieder selbst im Zentrum von Kritik und Debatten darüber wiederfindet, was sie und wie sie vermitteln soll, ist gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt in der Öffentlichkeit zu beobachten.
Es rollt ein Zug, und viele wissen nicht, wohin. Er könnte alle überrollen: Schüler, Lehrer, Eltern, Beamte in der Schulaufsicht, Verbände - alle sind betroffen. Angekündigt werden Maßnahmen zur "Evaluation" und "Qualitätssicherung" in den Schulen. Doch was verbirgt sich hinter der aufgeregten Diskussion über "Schulqualität"? Und was bedeuten eigentlich die in der Öffentlichkeit heiß diskutierten "Belege" für einen "Leistungsverfall in den Grundfähigkeiten" für den "internationalen Rückstand" unserer Schulen?

In der Politik werden große, oft übertriebene Hoffnungen auf überregionale Leistungsvergleiche gesetzt. In den öffentlichen Medien erhalten ihre Befunde eine hohe Aufmerksamkeit, wird die Botschaft der Daten oft mißverstanden. Auf die Schulen haben diese Untersuchungen eine eher einengende als eine herausfordernde und ermutigende Wirkung. Die gegenwärtig vorgetragenen Forderungen nach schulübergreifenden Vergleichsarbeiten erwecken den Eindruck: Unterrichtsqualität ist objektiv faßbar, wenn man Leistungen von Schülern mit standardisierten Tests mißt. Leistungstests können zwar dazu beitragen, ein klareres Bild von dem zu gewinnen, was Unterricht bewirkt. Aber ihre Entwicklung, ihr Einsatz und die Verwertung ihrer Ergebnisse werfen nicht nur technische, sondern auch eminent politische Probleme auf. Darum ist es wichtig, diese Instrumente offenzulegen.
Erziehungswissenschaftler der Siegener Universität um Prof. Dr. Hans Brügelmann haben nun einen Band vorgelegt, der sich mit diesem Problemfeld beschäftigt: "Was leisten unsere Schulen? Qualität und Evaluation von Unterricht in der Diskussion." (Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung, Seelze 1999) Der Band wendet sich an Lehrer und Eltern, an Verbände, die Schulverwaltung und die Bildungspolitik. Die 'Zauberwörter' aus der Debatte um "Qualität" und "Evaluation" von Schule und Unterricht werden erläutert. Es wird dabei vor der scheinbaren Objektivität von Statistiken gewarnt, die ohne Kontext für unterschiedlichste Interpretationen dienen müssen. Es werden die Befunde vorliegender Untersuchungen zum Leistungsvergleich und zur Entwicklung der sog. "Grundfähigkeiten" geprüft und nach den Kriterien für "Leistung" im Blick auf den einzelnen Schüler, auf Lehrer, auf Schulen bzw. das Schulsystem gefragt: Wer definiert überhaupt die Fragen an Unterrichtsqualität, wer bestimmt Leistungskriterien, wer wählt die Instrumente, wer verfügt über die Ergebnisse, wer deutet die Befunde, wer zieht daraus welche Folgerungen? Die Entwicklung von Formen und Methoden der Bestandsaufnahme im Bildungssystem setzt Antworten auf diese Fragen voraus.
Die Autoren des Bandes beschäftigen sich mit der Frage, wie Rechenschaft über Leistungen im öffentlichen Bildungswesen zu organisieren ist. Sie fordern ein differenziertes System von Verantwortlichkeiten, von Formen der Rechenschaft und von Methoden der Bestandsaufnahme im Bildungssystem. Sie plädieren für Ermutigung und Unterstützung von innerschulischen Ansätzen, den Unterricht zu verbessern, fordern aber auch Schulprogramme und regelmäßige Selbstevaluation als Instrument der Selbstkontrolle.
Denn, so die Überzeugung der Autoren des Bandes: Ohne Transparenz und Mitwirkung aller Beteiligten werden Evaluationsprogramme scheitern.


Ullrich-Eberhardt Georgi, Universität Siegen
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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