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Freie Universität Berlin, 21.11.00

Lange Schatten über Chile - Kollaboration chilenischer Eliten mit den Nazis

Seit der Nachkriegszeit gilt Chile als Eldorado vieler untergetauchter deutscher Nationalsozialisten. Nun weist der FU-Wissenschaftler Dr. Victor Farias erstmals nach, wie eng die chilenische Elite und die Nationalsozialisten bereits in den frühen dreißiger Jahren zusammengearbeitet haben.

Für sein über 600 Seiten dickes Buch, das in Chile wie eine Bombe einschlug, hat der FU-Philosoph eine Unmenge von bislang unbekanntem Archivmaterial gesichtet. Hauptquelle sind Dokumente des Ibero-Amerikanischen Instituts (IAI), dem wichtigsten Multiplikator der deutschen Auslandspropaganda.

In Chile der frühen dreißiger Jahre fielen die Hitlerverehrung, der Antisemitismus und die nationalsozialistische Lehre auch bei der deutschen Kolonie auf günstigen Boden. So hatte sich seit dem 19. Jahrhundert die deutsche Kolonie in Chile zur größten deutschen Auslandskolonie der Welt entwickelt. Die Lehrer der deutschen Schule, die Pfarrer der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde lehrten und predigten ganz im Sinne der "neuen" Zeit. Bereits 1932 - und damit ein Jahr vor der nationalsozialistischen Machtergreifung - wurde in Chile von einem Divisionsgeneral des chilenischen Heeres die erste funktionierende Nazi-Partei gegründet. Die Monatszeitschrift "Ejercito-Marina-Avacíon" (Auflage 10.000 Exemplare) informierte die chilenische Elite über die neuesten waffentechnischen Entwicklungen in Deutschland - darunter auch den jungen Offizier Augusto Pinochet.


Gleichzeitig gelang es den Nationalsozialisten, das chilenische Außenministerium und das diplomatische Corps von seinen pronationalsozialistischen und antisemitischen Ideen zu begeistern. Hohe Diplomaten sowie das chilenische Militär kollaborierten eng mit der NSDAP. Besonders gern wurde es von deutscher Seite gesehen, wenn chilenische Botschafter und Konsule deutsche Frauen heirateten. Die Infiltration der chilenischen Politik ging soweit, dass Chile seit 1940 die Grenzen für jüdische Flüchtlinge schloss und offiziell die deutschen Interessen im spanischen Bürgerkrieg wahrnahm. Zahlreiche Deutsche, darunter zwei Angehörige der "Legion Condor", die an der Bombardierung Guernicas beteiligt waren, konnten durch Intervention chilenischer Diplomaten vor der Hinrichtung gerettet werden. Hitler zeichnete daraufhin das gesamte zivile und militärische Personal mit den höchsten deutschen Orden aus.

Die Kollaboration mit Deutschland beschränkte sich nur nicht auf die konservative chilenische Regierung. Mindestens zwei sozialistische Minister - darunter auch der Gründer der Partei, Marmaduke Grove - waren in Waffengeschäfte polnischer Beutewaffen verwickelt.

Ausführlich wurde die deutsche Kolonie in Chile von der nationalsozialistischen Auslandspropaganda auf die genetische und politische Gefahr einer "Vermischung mit der Bastardbevölkerung" hingewiesen. Für seine Doktorarbeit über "Bastardbiologie" fand das ehemalige SA-Mitglied Johann Schäuble deshalb leicht die Unterstützung der chilenischen Universität und wichtiger Ordensgemeinschaften. Die Jesuiten, Salesianer und der Padres Franceses stellten dem Forscher des Kaiser-Wilhelm-Instituts über 400 Kinder aus Waisenhäusern, Klöstern und Armenhäusern für seine "Bastardforschungen" zur Verfügung. Das fehlende Unrechtsbewusstsein zeigt, wie erfolgreich die Propaganda der Nationalsozialisten war. Fast die gesamte Elite der chilenischen Ärzteschaft wurde in der Zeit zwischen 1936 und 1943 in Deutschland ausgebildet und nationalsozialistisch indoktriniert. Viele chilenische Ärzte "lernten" in deutschen Konzentrationslagern.Sie unternahmen sogar den Versuch, eine "Legion médica chilena" zu gründen, um in den 40er Jahren die Arbeit der deutschen Kollegen an der Front zu unterstützen.

Dr. Felicitas von Aretin
(4000 Zeichen)

Literatur: Victor Farías, Los nazis en Chile, Seix Barral Barcelona 2000 (noch nicht auf Deutsch erschienen).

Nähere Informationen erteilt Ihnen gern:
PD Dr. Victor Farias, Telefon: 838 549 21


Anke Ziemer, Freie Universität Berlin
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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