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Georg-August-Universität Göttingen, 27.08.02

Die kulturelle Dimension von Organtransplantation und Reproduktionsmedizin

(pug) Organtransplantationen verlängern das Leben todkranker Menschen, die Reproduktionsmedizin verhilft kinderlosen Paaren zu eigenem Nachwuchs. Die mit der Anwendung dieser Humantechnologien verbundenen massiven medizinischen Eingriffe müssen in das persönliche Leben integriert werden. Das sei am besten zu leisten, wenn es Patienten und Angehörigen gelingt, Körper und Körperteile als von der menschlichen Individualität losgelöste Objekte wahrzunehmen. Damit beruht die Akzeptanz und Anwendung beider Medizintechniken auf typisch westlichen Kulturtraditionen über Körper und Körperlichkeit. Im Fall der Reproduktionsmedizin spielen außerdem gesellschaftlich geprägte Vorstellungen über ,echte' Verwandtschaft eine wichtige Rolle. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie des Instituts für Ethnologie der Georg-August-Universität Göttingen.


Prof. Dr. Brigitta Hauser-Schäublin und ihre Mitarbeiterinnen führten in ihrer Untersuchung rund 90 Interviews mit zeugungsunfähigen Männern und Frauen, Angehörigen von hirntoten Organspendern und mit Organempfängern. Außerdem wurden Ärzte und Pflegepersonal bei der Arbeit begleitet und befragt, die Wissenschaftlerinnen hospitierten in Kliniken, Selbsthilfegruppen und Beratungseinrichtungen, Bundestagsdebatten und Gesetzesvorlagen wurden ausgewertet. Unter dem Titel "Der geteilte Leib. Die kulturelle Dimension von Organtransplantation und Reproduktionsmedizin" wurde die Studie vor kurzem veröffentlicht. Das Forschungsprojekt wurde seit 1996 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert.

"Wir wollten die kulturellen Bedingungen begreifen und nachzeichnen, mit denen diese massiven Eingriffe in die eigene Leiblichkeit und damit auch in die Identität der Person verarbeitet werden. Außerdem wollten wir die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Humantechnologien verstehen," so Prof. Hauser-Schäublin. "Humantechnologien sind in den westlichen Gesellschaften entstanden und bauen deshalb auf drei besonderen, für diesen Kulturkreis typischen Voraussetzungen und dem damit verbundenen Menschenbild auf: der Entwicklung der Anatomie als Methode, um über den toten Körper Erkenntnisse über Leben und Krankheit zu gewinnen, die Auftrennung des Men-schen in einen geistigen und einen materiell-körperlichen Teil und die "Entpersonalisierung" von Körperteilen und Organen." Wer in dem befragten Personenkreis eine medizintechnisch-objektivierte Sicht weitestgehend verinnerlicht hatte, könne, so die Beobachtungen der Forscherinnen, mit diesen Technologien und ihren Eingriffen leichter umgehen.

Für die Ethnologinnen war der Zugang zur Hightech-Medizin und ihren Protagonisten schwierig, wobei Körper und Körperlichkeit, Tod, Sexualität und Zeugung, Kerngebiete ethnologischer Forschung sind. Bei der Beobachtung fremder Kulturen eignen sich Ethnologen eine Außenperspektive an. Diesen Blick eines Fremden richteten sie in der Studie auf die eigene Gesellschaft, um so das Selbstverständliche sichtbar zu machen, so Prof. Hauser-Schäublin zur methodischer Herangehensweise.

Brigitta Hauser-Schäublin, Vera Kalitzkus, Imme Petersen, Iris Schröder. Der geteilte Leib. Die kulturelle Dimension von Organtransplantation und Reproduktionsmedizin in Deutschland. Campus Verlag, Frankfurt / New York 2001

Kontaktadresse:
Prof. Dr. Hauser-Schäublin
Georg-August-Universität Göttingen
Sozialwissenschaftliche Fakultät
Institut für Ethnologie
Theaterplatz 15, 37073 Göttingen
Tel. (0551) 39-7892, Fax (0551) 39-7359
e-mail: bhauser@gwdg.de
Internet: www.gwdg.de/~ethno/index.htm


Marietta Fuhrmann-Koch, Georg-August-Universität Göttingen
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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