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Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 22.01.03

Kein Opium für's Volk - Wissenschaftler untersuchen Alternativen zum Drogenanbau

Auf fast 500 Milliarden US-Dollar taxieren Experten den weltweiten Drogenumsatz - trotz aller Versuche, Anbau, Vertrieb und Konsum zu unterbinden. Häufig ist es die Sorge um ihre schiere Existenz, die die Bauern in den Erzeugerländern in das schmutzige Geschäft mit Koka oder Opium treibt. Wissenschaftler der Universität Bonn untersuchen, wie Alternativen zum Drogenanbau aussehen könnten, und haben dabei auch Hilfsprojekte in Kolumbien und Bolivien unter die Lupe genommen. Ihr Fazit fällt ernüchternd aus - bei allen positiven Ansätzen.

Koka-Alternative Lulo? Bilder zu dieser Pressemitteilung erhalten Sie heute ab 14 Uhr unter http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2003.html.

In Bolivien hat die Regierung 1989 das "Coca Cero"-Programm ins Leben gerufen. Seitdem ist die Anbaufläche in der Region Chapare um mehr als 70 Prozent zurückgegangen - allerdings zu einem hohen ökologischen Preis. "Die illegalen Kulturen werden von der Luft aus mit dem Herbizid Glyphosate besprüht und abgetötet", erklärt Professor Dr. Jürgen Pohlan, der sich seit 1999 mit dem Problem "Koka-Anbau" beschäftigt. Um nicht von der Guerilla abgeschossen zu werden, müssen die Flieger ihre Chemie-Fracht aus großer Höhe abladen - entsprechend viel geht da schon mal daneben. Der Wind verteilt die giftige Ladung noch zusätzlich, so dass schließlich auch legale Kulturen leiden oder sogar Dörfer betroffen sind. "In den Flüssen sterben die Fische, die Menschen werden krank und ziehen davon", so Professor Pohlan. "Die Konsequenz ist nur, dass sich die Koka-Bauern neue, schwerer zugängliche Gebiete suchen, zum Beispiel in den Regenwäldern oder im Gebirge." Durch Brandrodung und den enormen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in den illegalen Plantagen seien so in den letzten Jahren immer mehr intakte Ökosysteme dem Drogenanbau zum Opfer gefallen. Ein Verbot allein sei daher keine Lösung. "In Kolumbien entstehen trotz des Verbots jährlich genauso viele Hektar neue Kokafelder, wie die Regierung aufspürt und vernichtet." Zum ökologischen gesellt sich das soziale Desaster: "Die Koka-Produktion hat fatale Konsequenzen für den Gemeinsinn", erklärt der Agrarwissenschaftler. "Profit geht über Moral; die Bevölkerung ganzer Landstriche wird kriminalisiert; dadurch steigt nicht zuletzt die Gewaltbereitschaft."


Mauricio Cely ist Absolvent des internationalen Magisterstudiengangs "ARTS" (Agricultural Science and Resource Management in the Tropics and Subtropics); in seiner Abschlussarbeit hat er das nationale Programm "PLANTE" unter die Lupe genommen, mit der die Regierung Kolumbiens seit 1995 versucht, den illegalen Drogenanbau in den Griff zu bekommen. Mit geringem Erfolg: Zwar ist die Anbaufläche für Schlafmohn seit 1992 auf ein knappes Drittel zurückgegangen, in der selben Zeitspanne hat sich aber die Anbaufläche für Koka mehr als vervierfacht - auf 145.000 Hektar, eine Fläche fast dreimal so groß wie der Bodensee. Dabei ist es eines der Hauptziele von PLANTE, den Anbau alternativer Kulturen zu fördern. In Schulungen propagieren Mitarbeiter die Kultivierung von Andenbrombeere oder Quito-Orange, die Vergabe günstiger Kredite soll den Bauern den Umstieg erleichtern. Doch die Produktion eines Kilos Baumtomaten verursacht etwa doppelt so hohe Kosten wie die der gleichen Menge Schlafmohn - bei deutlich niedrigerem Gewinn.

Es gäbe durchaus wirtschaftliche Alternativen zu Koka und Opium - beispielsweise der Anbau von Pfeffer. ARTS-Absolvent Juan Carlos Torrico Albino hat 328 Familien im bolivianischen Chapare untersucht. Lediglich 45 bauten Pfeffer an - trotz der hohen Erlöse. "Die meisten Bauern können schon die Eingangsinvestitionen von umgerechnet rund 3.000 Euro je Hektar nicht aufbringen, die der Einstieg in die Pfefferproduktion erfordert", erklärt Albino. Außerdem ist Koka weitaus leichter anzubauen als die Gewürzpflanze. "Für Pfeffer braucht man viel Know-how und qualifizierte Arbeitskräfte." Er fordert daher - neben günstigen Krediten für die Landwirte - vor allem kurze, praxisorientierte Ausbildungskurse. "Die Landbewohner müssen lernen, effizienter zu produzieren."

"Wir haben uns an billige und qualitativ hochwertige Lebensmittel gewöhnt", beklagt Professor Pohlan den Preisverfall für Agrarprodukte auf den Weltmärkten, der nicht zuletzt durch die Subventionspolitik der "Erste-Welt-Länder" angetrieben wird. "Das passt nicht zusammen." Letztlich glaubt er aber nicht, dass die wirtschaftliche Not, die viele Landwirte in den Drogenanbau treibt, allein durch agrarpolitische Maßnahmen in den Griff zu bekommen ist. "Eine der wichtigsten Maßnahmen wird es in Zukunft sein, die Industrialisierung der Städte voranzutreiben."

Ansprechpartner:
Professor Dr. Jürgen Pohlan
Institut für Obst- und Gemüsebau der Universität Bonn
E-Mail: drjpohlan@excite.com

oder Professor Dr. Marc Janssens
Tel.: 02236/379815

Weitere Informationen:


Frank Luerweg, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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