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Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 18.01.00

Jugendliche erarbeiten sich ihre ganz persönliche Religion

Religiöse Bindungen schwinden, religiöses Wissen schrumpft, die Kirchen werden leerer - es sieht ganz danach aus, als ob sich die Religion aus dem "christlichen Abendland" verabschiedet. Wissenschaftler von der Universität Würzburg wollten ergründen, ob dieser Eindruck stimmt. Dazu haben sie 20 Jugendliche aus Unterfranken interviewt.

"Haben wir es tatsächlich mit einer rasanten religiösen Talfahrt zu tun? Oder gibt es auch gegenläufige Bewegungen? Was geschieht mit der Religion in unserer Gesellschaft?" Das sind einige der Fragen, mit denen sich Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Ziebertz und Diplom-Theologe Andreas Prokopf vom Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt beschäftigen.

Claudia ist 17 und will sich ein Kreuz kaufen. Sie glaubt, dass es ihr Glück und Kraft spenden wird. Durch das Kreuz, so meint sie, wird sie mit dem Glauben konfrontiert. Das Kreuz hilft ihr, öfter Momente der Besinnung zu finden. Aber für Claudia ist klar, dass sie mit der traditionellen Kirche nichts mehr anfangen kann. Sie macht sich ihr eigenes Bild von Gott, der Welt und dem Kreuz.


Marlen ist 18 und davon überzeugt, dass die Welt von einer höheren Macht gelenkt wird. Ihrer Meinung nach gibt es etwas, was den Kosmos ordnet. Sie betet zuweilen und spricht dabei aber nicht mit Gott, sondern mit ihrer gestorbenen Oma. Sie sucht gerne kleine Kapellen auf dem Land auf. Sie mag die Atmosphäre in solchen Kirchen, weil sie sich dort besinnen und zu sich kommen kann. Mit dem Gott, wie ihn die Kirche predigt, will sie aber nichts zu tun haben.

Das sind zwei Beispiele dafür, was die Interviews mit den jungen Unterfranken ergeben haben. Dabei hat sich laut Andreas Prokopf gezeigt, dass Claudia und Marlen keine besonders auffälligen Jugendlichen sind: Sie haben Probleme mit der Religion der Kirchen, sind aber keineswegs unreligiös. Für die meisten Jugendlichen gelte, dass sie sich ihre eigene Religion "erarbeiten". Dabei handle es sich nicht um eine alternative Religion - vielmehr sei das Christentum für die jungen Leute eine Art Steinbruch, aus dem sie Bausteine für ihre persönliche Religion entnehmen. Viele Jugendliche würden eine Grenze ziehen zwischen ihrer ganz eigenen Religiosität und der herkömmlichen Religiosität, die sie in den Kirchen erfahren. Dabei seien beide Formen auf den ersten Blick oft nicht miteinander vereinbar.

Dieses Phänomen hat man in der Wissenschaft lange Zeit als eine "Absetzbewegung" von den Kirchen interpretiert. Neuere Ansätze verstehen das Verhältnis von Religion und Gesellschaft differenzierter: Sie gehen davon aus, dass bestimmte Erfahrungen in der modernen Gesellschaft Anlass für religiöses Fragen und Suchen sein können.

Für solche gegenläufigen Bewegungen interessieren sich die Würzburger Theologen. Sie wollen hierzu eine wissenschaftliche Theorie erarbeiten, haben aber auch ein durchaus praktisches Ansinnen. Ein zentrales Konzept des Religionsunterrichts geht davon aus, dass religiöse Bildung aus einer wechselseitigen Beziehung zwischen christlicher Überlieferung und tatsächlichen Lebenserfahrungen entsteht. "Die Theologie hat sich vor allem um die Seite der Überlieferung gekümmert und die Seite der Lebenserfahrungen vernachlässigt", so Prof. Ziebertz. Der Preis dafür sei hoch, denn heutzutage könnten Schüler die Unterrichtsinhalte oft nicht mehr mit ihrer Alltagserfahrung verknüpfen.

In ihrem Projekt wollen die Theologen nicht nur eine Brücke von den Lebenserfahrungen zur Religion schlagen, sondern auch zeigen, dass und wie religiöse und selbst christlich-religiöse Inhalte und Formen, Einstellungen und Überzeugungen in der Alltagskultur junger Leute anzutreffen sind. Die Forscher hoffen, damit einen Beitrag zur Reform der Konzeption des Religionsunterrichts leisten zu können.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Ziebertz, T (0931) 888-4838, Fax (0931) 888-4840, E-Mail:
hg.ziebertz@mail.uni-wuerzburg.de

Kurzfassung:
Jugendliche erarbeiten sich ihre ganz persönliche Religion

Die 18jährige Marlen geht gern in kleine Kapellen auf dem Land und ist davon überzeugt, dass die Welt von einer höheren Macht gelenkt wird. Mit dem Gott, wie ihn die christliche Kirche predigt, will sie aber nichts zu tun haben. Dieses Beispiel scheint typisch für die Jugendlichen von heute: Sie haben Probleme mit der Religion der Kirchen, sind aber keineswegs unreligiös. Wie katholische Theologen von der Universität Würzburg bei Interviews mit unterfränkischen Jugendlichen herausgefunden haben, erarbeiten sich die jungen Leute ihre ganz eigene Religion. Dabei greifen sie auch auf das Christentum zurück: Sie benutzen es wie einen Steinbruch, aus dem sie die ihnen jeweils zusagenden Bausteine für ihre persönliche Religion entnehmen. Die Interviews fanden im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes statt, bei dem Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Ziebertz und Diplom-Theologe Andreas Prokopf ergründen wollen, was derzeit in unserer Gesellschaft mit der Religion geschieht. Die Würzburger Wissenschaftler wollen letzten Endes auch einen Beitrag dazu leisten, die Konzeption des Religionsunterrichts zu reformieren.


Robert Emmerich, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, http://www.idw-online.de

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